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Wie chancengerecht ist Deutschland?

2. Mai 2011, Comments (0)

„Wie gerecht ist Deutschland“ fragt ZEIT online in einer aktuellen Serie und stellt in der Ausgabe vom 27.4. fest, dass die Bundesrepublik in Hinblick auf die Chancengerechtigkeit gar nicht so schlecht dasteht, wie man meinen könnte.

Die ZEIT beruft sich auf Zahlen der OECD, die zeigen, dass das Einkommen der jüngeren Generation in Deutschland nicht so stark von dem ihrer Eltern abhängt, wie es zum Beispiel in den USA der Fall ist. Insgesamt befindet sich Deutschland international im Mittelfeld, wenn es um die Vererbung von Einkommensvorteilen von Eltern auf ihre Kinder geht.

Zu Recht weist die ZEIT darauf hin, dass das Einkommen jedoch nur ein Indikator ist, um Chancengerechtigkeit zu messen und zitiert die Studie „Kaum Bewegung, viel Ungleichheit„, die der Soziologie Reinhard Pollak (WZB) für die Heinrich-Böll-Stiftung durchgeführt hat. Dort wird nach den Chancen gefragt, bestimmte gesellschaftliche Positionen zu erreichen. Und es zeigt sich, dass insbesondere diejenigen geringe Aussichten auf den gesellchaftlichen Aufstieg haben, deren Eltern aus niedrigen Klassenpositionen stammen.

Die „Beharrungskräfte am unteren und oberen Rand“ der Gesellschaft seien das große Problem, meint die ZEIT. Diejenigen die unten sind, schaffen es kaum auf der gesellschaftlichen Leiter nach oben zu kommen, die am oberen Rand müssen schon viel falsch machen, um abzusteigen.

„Deutschland könnte weit mehr tun, um für die Chancengleichheit zu sorgen“, resümiert die ZEIT, lässt aber offen, was getan werden sollte.

Dabei gibt es interessante Vorschläge. So hat zuletzt der von Jürgen Baumert geleitete Expertenrat „Herkunft und Bildungserfolg“ in Baden-Württemberg Politikempfehlungen erarbeitet. Bildung ist unbestritten der Schlüssel für Aufstiegschancen. Der Rat fordert eine klare Prioritätensetzung in der Bildungspolitik. Mittel sollten vor allem für die Förderung von Jugendlichen ausgegeben werden, die sich in besonderen „Risikolagen“ befinden. Ähnliches hatte bereits zuvor die Schulkommission der Heinrich-Böll-Stiftung in der Empfehlung „Bildungsgerechtigkeit im Lebenslauf“ vorgeschlagen.

PS: Ein Veranstaltungshinweis zum Thema: Am 4. Mai stellt Reinhard Pollak die Studie „Kaum Bewegung, viel Ungleichheit“ im Rahmen der Vorlesungsreihe GERECHT im kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden vor. Beginn ist um 18 Uhr.

Foto: Lars Hilscher (cc by-nc-sa 2.0)

Rechte für den Bildungsaufstieg

24. März 2011, Comments (1)

Eine neue Studie aus dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung zeigt, dass der rechtliche Status von Migrantenkindern Einfluss auf deren Bildungschancen hat. Die Autorin Janina Söhn stellt darin fest, dass vor allem Kinder von Aussiedlern von gezielter Sprachförderung und Unterstützungsleistungen für ihre Familien profitierten. Aussiedler leiden nicht zuletzt deswegen viel seltener unter Bildungsarmut als Gleichaltrige, die als Ausländer in die Bundesrepublik kamen.  Besonders gefährdet seien hingegen die Bildungschancen von Kindern von Asylsuchenden und Geduldeten.

Söhn fordert, dass Bildungsreformen vor allem Kinder aus Zuwanderfamilien in den Blick nehmen sollten. Hier könnten die größten Fortschritte erzielt werden, wenn es um die Entkopplung von Bildungserfolg und sozialer Herkunft geht.

Die Förderung der Aussiedler hält Söhn für vorbildlich.

„die rechtliche Gleichstellung mit einheimischen Deutschen und die damit verbundene sichere Bleibeperspektive, gezielte Sprachförderung und ein besserer Zugang zum Arbeitsmarkt, trugen dazu bei, dass diese Migrantengruppe im Vergleich zu anderen Einwanderern erfolgreicher war.“

Von der Einführung von Integrationskursen und der Reform des Staatsangehörigkeitsgesetzes im Jahr 2000 hätten  in der Folge auch andere Migrantengruppen profitiert. Ausgenommen blieben aber weiterhin Kinder von Asylsuchenden und Geduldeten.

„Um die Bildungschancen dieser Kinder nicht nachhaltig zu gefährden, sollten diese Familien möglichst kurz einer unsicheren rechtlichen Situation ausgesetzt sein. Zudem gilt es, auf Bundeslandsebene die Schulpflicht auf alle Kinder unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus auszudehnen und so den Zugang zu Schulen als Menschenrecht zu garantieren.“

Foto: Thilo Waasem (cc by-nc-sa 2.0)

Sag mir, wo Du wohnst …

18. Januar 2011, Comments (1)

… und ich sage Dir, wie gut Deine Kinder in der Schule abschneiden. Der Soziologe Marcus Helbig vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) berichtet in der aktuellen Ausgabe der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie über den Einfluss, den das jeweilige Wohnquartier auf die schulischen Leistungen von Kindern hat. Helbig stützt sich auf Daten der ELEMENT-Studie, die Berliner Grundschüler zwischen der vierten und sechsten Klassen untersucht hat. Er kommt zu dem Ergebnis, dass das Wohnumfeld einen Unterschied ausmacht, der nicht alleine darauf zurück zu führen ist, dass in feinen Wohnvierteln bildungsaffinere Familien leben als in einfacheren. Interessanterweise lässt sich vor allem ein positiver Effekt von sozial starken Nachbarschaften ausmachen. Schülerinnen und Schüler schneiden hier besser ab als Altersgenossen, die aus durchschnittlichen Wohnquartieren stammen. Das, so vermutet Helbig, könnte auf den positiven Einfluss von Rollenvorbildern unter den Erwachsenen und eine stärkere soziale Kontrolle zurück zu führen sein. Kinder aus sozial schwachen Nachbarschaften hingegen sind im Vergleich zu Kindern aus durchschnittlichen Quartieren nicht benachteiligt.

Helbig schreibt

„Ohnehin haben Schüler, deren Eltern einen hohen sozialen Status aufweisen, bereits bessere Bildungschancen durch das vorhandene kulturelle, ökonomische und soziale Kapital ihrer Eltern. Dadurch, dass Eltern mit hohem sozialen Status sich in bestimmten Wohngebieten ballen, profitieren deren Kinder in ihrer Kompetenzentwicklung also zusätzlich durch die aufgezeigten Kontexteffekte.“ (Helbig, Marcel: Neighborhood does matter! KZfSS, 4/2010, S. 676).

Durch eine fortschreitende soziale Entmischung von Kiezen kommt es folglich zu einer Verschärfung von Bildungsungleichheiten. Die Studie zeigt: Soziale Aufstiegschancen haben auch eine räumliche Dimension – zumindest in der Großstadt Berlin.

Foto: Jan Hoffmann (cc by-nc 2.0)

Böll-Studie zeigt: Chancen gesellschaftlich aufzusteigen, sind in Deutschland sehr ungleich verteilt

24. Oktober 2010, Comments (0)


Bildung, Integration und faire Aufstiegschancen – als die Idee zu diesem Blog entstand, war kaum abzusehen, das dieses Trio plötzlich im Fokus der politischen Debatterücken würde und alle Zeitungen und Talkshows beschäftigen würde.

Mit einer Studie über soziale Mobilität und die Austiegschancen gerade auch von Menschen mit Migrationshintergrund will die Heinrich-Böll-Stiftung dazu beitragen, die Debatte mit empirischen Befunden unterfüttern. Die Studie „Kaum Bewegung, viel Ungleichheit“ wurde von Reinhard Pollak vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung für die Heinrich-Böll-Stiftung erstellt.Sie zeigt: Die Chancen auf den gesellschaftlichen Aufstieg sind in nur wenigen industriellen Staaten so ungleich verteilt wie in Deutschland. Die Studie kommt zu ernüchternden Ergebnissen: Kinder von ungelernten Arbeitern haben vierzigmal schlechtere Mobilitätsschancen als Kinder, deren Eltern leitende Angestellte sind. Der soziale Fahrstuhl, der lange Zeit in Deutschland für die meisten nach oben fuhr, ist ins Stocken geraten – und am unteren Rand der Gesellschaft schaffen es viele überhaupt nicht, einzusteigen.

Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der aktuellen Debatten um das Thema Integration sind diese Befunde alles andere als dröge Sozialstatistik. Sie weisen aus, wie schlecht es in unserer Gesellschaft um praktische Chancengerechtigkeit bestellt ist. Dass wir uns, wie Reinhard Pollak schreibt

„mehr Ungleichheiten leisten als notwendig, und dies insbesondere zum Nachteil derjenigen Kinder, die mit ihrer geringen sozialen Herkunft vergleichsweise wenig Chancen haben, aus diesen nachteiligen Positionen aufzusteigen“

bedeutet, dass hierzulande nicht alle darauf vertrauen können, durch eigene Anstrengungen voran zu kommen. Soziale Herkunft übertrumpft Talent und Leistungsbereitschaft.

Die Studie wird von der Heinrich-Böll-Stiftung im Rahmen des Programms „Was ist der deutsche Traum? Bildung – Integration – Aufstieg“ herausgegeben, das sich mit fairen Aufstiegschancen als fundamentaler Frage sozialer Gerechtigkeit und zugleich der künftigen Leistungsfähigkeit der modernen Einwanderungsgesellschaft beschäftigt.

Anmerkungen und Kommentare zur Studie und den dort formulierten Schlussfolgerungen sind sehr willkommen

Über dieses Blog

„Durch eigene Anstrengungen in der Gesellschaft voran kommen, ohne durch ethnische, räumliche oder soziale Herkunft gehindert zu werden: Kann es trotz der vielen Blockaden, die heute in der Bildung und bei der Integration Zugewanderter der sozialen Mobilität im Wege stehen, einen solchen „deutschen Traum“ geben? Dieses Blog diskutiert, ob das Ideal einer aufstiegsoffenen Gesellschaft für emanzipatorische Politik taugt."

Studie „Einwanderinnen und Einwanderer in den Räten deutscher Großstädte“

Studie „Kaum Bewegung, viel Ungleichheit“

Die Studie von Reinhard Pollak (WZB) zeigt, in Deutschland schaffen es weniger als 1% aus einem Elternhaus, in dem der Vater ungelernter Arbeiter ist, selbst in eine leitende Angestelltenposition zu gelangen.
Dagegen werden zwei Drittel der Kinder aus einer leitenden Angestelltenfamilie selbst leitende Angestellte.
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Böll.Thema

Die Ausgabe "Sozialer Aufstieg - Strategien gegen die blockierte Gesellschaft" von Boell.thema liefert Analysen, Reportagen und Überlegungen rund um Fragen sozialer Mobilität und das Leitbild der aufstiegsoffenen Gesellschaft.
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