USA « Was ist der deutsche Traum?

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Shared dream, individual performance

3. Juli 2011, Comments (0)

Noch bis zum 24. Juli 2011 findet in Berlin die im Vorfeld heiß diskutierte Ausstellung „Based in Berlin“ statt, die Werke von rund 80 Künstlern zeigt, die (derzeit) an der Spree arbeiten.

In einem ehemaligen Ateliergebäude im kleinen Monbijou-Park ist die Videoarbeit „The Brave“ von Asaf Koriat zu sehen. Koriat zeigt auf einem Splitscreen wie sechs US-amerikanische Stars die Nationalhymne „The Star Spangled Banner“ zur Eröffnung verschiedener „super bowls“, also der Finalspiele der amerikanischen Football-Liga, singen.

Zu Beginn noch synchron, wird der Gesang des montierten Chors zunehmend unharmonisch und nervtötend. Der Künstler zeigt die Spannung zwischen des gemeinsamen Beschwörens des American Dreams einerseits und der Betonung der Individualität andererseits – denn jeder Künstler will mit seiner ganz eigenen Interpretation der Hymne ins kollektive Gedächtnis der Amerikaner eingehen.[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=35CCcPhpcpU[/youtube]

Aufsteigerin des Monats: Oprah Winfrey

1. Juni 2011, Comments (0)

Aufsteigerin des Monats Mai ist Oprah Winfrey. Nach 25 Jahren täglicher Präsenz lief am 25. Mai die letzte Sendung der Show der amerikanischen Entertainerin im US-Fernsehen.

Bereits in den letzten Sendungen hatten sich die Superstars die Klinke in die Hand gegeben, um die 57-jährige Oprah in den Bühnen-Ruhestand zu verabschieden: Beyonce, Aretha Franklin, Barbra Streisand, Madonna, Stevie Wonder und Usher waren da, John Travolta, Tom Hanks, Halle Berry, Jamie Foxx, Will Smith, Tom Cruise und Michael Jordan. Alle huldigten der Talkqueen, die vom Time Magazine wiederholt zur mächtigsten Frau Amerikas, wenn nicht gleich der Welt erkoren worden war.

Ein Vierteljahrhundert lang gewährte die Oprah Winfrey Show Einblicke in das Leben und die Abgründe der „every day people“ genauso wie der ganz großen Stars. Und sie bot praktische Ratschläge für alle Lebensbereiche. Die Grundbotschaft war stets die denkbar amerikanischste: Nach jedem Rückschlag, so riet Oprah ihren Zuschauern, heißt es, das Leben mit Gottvertrauen in die Hand zu nehmen und daran zu arbeiten, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Diesen American Dream verkörperte Oprah selbst. Im Jahr 1954, zu Zeiten der Rassentrennung in Mississippi in armen Verhältnissen geboren, von einem Familienmitglied missbraucht, gelang ihr der unwahrscheinliche Aufstieg in den Olymp des US-Entertainments, der sie zur Milliardärin machte.

Die mediale Präsenz von Oprah Winfrey dürfte einer der Gründe sein, warum der amerikanische Traum von „rags to riches“ in den USA weiter so lebendig ist, obwohl die tatsächlichen Chancen auf den sozialen Aufstieg in den USA im internationalen Vergleich eher gering sind und zwar vor allem auch, weil die Perspektiven der afroamerikanischen Bevölkerung noch immer schlecht sind.

It’s who you know …

16. Mai 2011, Comments (1)

Für den internationalen Kongress der Sozialdemokratie „Progressive Governance Conference„, der am 12. und 13. Mai 2011 in Oslo stattfand, hat der britische Thinktank Policy Network letzte Woche in London die Ergebnisse einer länderübergreifenden Befragung zu wichtigen Herausforderungen sozialdemokratischer Politik veröffentlicht. Jeweils rund 1.000 Bürger aus Deutschland, dem Vereinigten Königreich, den USA und Schweden waren unter anderem nach Ihren Einschätzungen zu den sozialen Aufstiegschancen in Ihrem Land interviewt worden.

„The survey reveals the sheer extent of pessimism about the reality of equal opportunity“, fassen die Autoren die Umfrageergebnisse zusammen. In Deutschland sind 54% der Befragten der Meinung, dass es, um im Leben voranzukommen, eher darauf ankommt, wen man kennt („who you know“), als auf harte, ehrliche Arbeit („hard work and playing by the rules“). Zum Vergleich: In den USA teilen 46%, im Vereinigten Königreich 62% und in Schweden 56% der Befragten diese Auffassung.

Besonders überraschend sind die Ergebnisse nicht, denn eigene Anstrengungen und die Frage, wen man kennt, spielen ganz sicher beide eine Rolle für den sozialen Aufstieg (vor allem, wenn man bei letzterem die Eltern einbezieht, also die soziale Herkunft meint). Interessant sind eher schon die Unterschiede zwischen den Ländern und der hohe Bildungspessimismus, den das Policy Network gemessen hat. So glauben 67% der befragten Deutschen, dass ein Hochschulstudium nicht die Karriereerwartungen zu erfüllen vermag, die es weckt. Nur die Schweden sind deutlich optimistischer. Der gleichen Aussage stimmen dort nur 28% der Befragten zu.

Foto: TypeFiend (cc by-nc-sa 2.0)

Das Traumgesetz

26. November 2010, Comments (2)

Was in Deutschland nur schwer vorstellbar ist, in den USA ist es möglich: es wird über ein „Traumgesetz“ diskutiert. Einen „DREAM Act“ versucht Präsident Obama durch das Gesetzgebungsverfahren zu bekommen – mit ungewissem Ausgang.

Der Gesetzesentwurf zielt auf eine teilweise Legalisierung junger Zuwanderer unter 35 Jahren. Wer bereits fünf Jahre oder mehr in den USA lebt, vor dem 16. Geburtstag in die USA eingereist ist und über eine Hochschulberechtigung verfügt, soll eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung bekommen und damit die Möglichkeit erhalten, zu studieren. Langfristig winkt gar die Einbürgerung.

Bereits seit fast zehn Jahren wird über den DREAM Act (Dream steht wenig träumerisch für „Development, Relief and Education for Alien Minors Act“) diskutiert, er scheiterte bislang immer wieder im Gesetzgebungsverfahren. Die Gegner kritisieren, dass das Gesetz illegale Zuwanderung belohnen würde. Die Verfechter des Gesetzesvorhabens, zu denen Präsident Obama gehört, weisen darauf hin, dass die Personengruppe, um die es geht, in jungem Alter mit den Eltern eingereist ist und daher kaum bestraft gehöre. Nicht zuletzt würden den USA viele Talente verloren gehen, wenn man diesen jungen Menschen eine Bildungskarriere verweigert.

Auf der Website der Befürworter heißt es

„Over three million students graduate from U.S. high schools every year. Most get the opportunity to test their dreams and live their American story. However, a group of approximately 65,000 youth do not get this opportunity; they are smeared with an inherited title, an illegal immigrant. These youth have lived in the United States for most of their lives and want nothing more than to be recognized for what they are, Americans.“

Foto: Klaus Friese (cc-by-nc-sa 2.0)

Der Schuster bleibt bei seinen Leisten: Berufe als Aufstiegsbarriere

10. November 2010, Comments (5)

Geht es um die Ursachen für gesellschaftliche Chancenungleichheit, kommt in der Regel – und völlig zu recht – das Bildungssystem zur Sprache. Bildung entscheidet immer mehr über die Aussichten auf gesellschaftliche Teilhabe und einen guten Job. Und spätestens seit den PISA-Studien wissen wir, dass in kaum einem Bildungssystem der Bildungserfolg so stark von der sozialen Herkunft abhängt wie in Deutschland.

Auf der internationalen Konferenz „Europa und der ‚American Dream‘ – Eine transatlantische Traumdeutung“, die am 27. Oktober in der Heinrich-Böll-Stiftung stattfand, wurde die Frage diskutiert, ob die uramerikanische Geschichte vom Tellerwäscher, der zum Millionär aufsteigt, mehr ist als nur ein Mythos. Ausgelotet wurde, wie Politik auf beiden Seiten des Atlantiks dazu beitragen kann, dass Menschen nicht nur voran kommen wollen, sondern dies auch wirklich tun können.

Die Diskussionen der Konferenz drehten sich denn auch stark um die Bildung. Die Daten über soziale Mobilität im internationalen Vergleich, die zu Beginn der Konferenz präsentiert wurden zeigten, dass diejenigen Länder, die im internationalen Vergleich sozial am durchlässigsten sind, genau jene sind, die wir schon als PISA-Sieger kennen und allgemein als Vorbilder für die gute Schule gelten: darunter Finnland, Schweden, Norwegen und Kanada.

Aber die Konferenz nahm auch ein zweites Hindernis für soziale Mobilität in den Blick, über das weniger oft gesprochen wird: die Struktur des Arbeitsmarkts. Reinhard Pollak vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung wies darauf hin, dass die stark beruflich geprägte Struktur des deutschen Arbeitsmarkts eine Mobilitätsbarriere ersten Ranges ist. Berufe können nicht einfach ergriffen werden, Zertifikate entscheiden in Deutschland über den Zugang.

In den USA ist das anders. Tamar Jacoby, die Präsidentin der US-amerikanischen NGO Immigration Works bezeichnete die Aufstiegschancen, die der US-Arbeitsmarkt gerade auch Zugewanderten bietet, als den Kern des amerikanischen Schmelztiegel schlechthin.

In Deutschland hingegen verhindern die starren Karrierewege, die wenig Seiteneinstiege ermöglichen, allzu oft den beruflichen Aufstieg. Dass angesichts dieser Situation in Deutschland türkische Gemüsehändler in der ersten Sarrazin-Debatte als Ausdruck fehlenden Integrationswillens diffamiert wurden, bezeichnete der ehemalige nordrhein-westfälische Integrationsminster Armin Laschet in der Böll-Stiftung als zynisch.

Was aber ist daraus für die Politik zu lernen? Die berufliche Struktur aufzubrechen ist kaum einfach möglich. Und vor allem sollte eines nicht vergessen werden. Was für die Outsider des Arbeitsmarkts eine Eintrittsbarriere darstellt, ist für die Insider eine Absicherung des eigenen Status.

Foto: Ernie|Bert, cc-by-nc

Der Videomittschnitt zur Konferenz:

Veranstaltungshinweis: Konferenz „Europa und der American Dream“

21. Oktober 2010, Comments (1)

Foto: jazzlog, cc-by-nc/2.0

Die Erzählung des „American Dream“, also das Versprechen wonach Einheimische wie auch Einwanderer den sozialen Aufstieg für sich und nachkommende Generationen durch Bildung und Arbeit erreichen können, erfährt gegenwärtig eine politische Konjunktur. Unter Präsident Obama ist die Wiederbelebung dieses Mythos’ Wahlprogramm.

Auch in den europäischen Staaten ist das positive Leitmotiv für den Zusammenhalt in demokratischen und liberalen Gesellschaften unverzichtbar. Doch an welchem Versprechen orientieren sich die Menschen diesseits des Atlantiks?

Die Konferenz „Europa und der American Dream: Eine transatlantische Traumdeutung“, die am 27.Oktober in der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin fragt, wie Politik für soziale Teilhabe und Mobilität in Europa, in den USA oder in Kanada gestaltet wird. Wie stark wird – hier wie dort – Teilhabe und Aufstieg als Ergebnis individueller Anstrengungen bzw. als Folge gesellschaftlichen Arrangements verstanden? Welcher kulturellen Bedingungen bedarf es für die Realisierung eines solchen Versprechens und welche Konsequenzen resultieren für sozialstaatliche und -politische Mechanismen?

Ausgeträumt? Obama und der „American Dream“

20. Oktober 2010, Comments (0)

Foto: Erik Sommer, cc-by-nc-sa/2.0

Lebt der „American Dream“ unter Barack Obama noch, der ja unter anderem angetreten ist, um gerade diese ur-amerikanische Erzählung wieder mit Leben zu füllen? Belinda Cooper vom World Policy Institute in New York ist sich da nicht sicher. In einem Artikel für die Heinrich-Böll-Stiftung berichtet sie, dass es für viele Amerikanern in Folge der Wirtschaftskrise nicht ums Träumen, sondern ums wirtschaftliche Überleben geht. Sie beobachtet eine eigentümliche Haltung zum Staat. Der solle sich nach Ansicht der meisten US-Bürger möglichst aus allen Angelegenheiten heraushalten, aber er solle dennoch die Krise bewätigen. Und Cooper berichtet über eine zunehmende Feindseligkeit gegenüber Einwanderern, für die es als eine der wenigen Gruppen noch so etwas gebe, wie den Amerikanischen Traum.

Über dieses Blog

„Durch eigene Anstrengungen in der Gesellschaft voran kommen, ohne durch ethnische, räumliche oder soziale Herkunft gehindert zu werden: Kann es trotz der vielen Blockaden, die heute in der Bildung und bei der Integration Zugewanderter der sozialen Mobilität im Wege stehen, einen solchen „deutschen Traum“ geben? Dieses Blog diskutiert, ob das Ideal einer aufstiegsoffenen Gesellschaft für emanzipatorische Politik taugt."

Studie „Einwanderinnen und Einwanderer in den Räten deutscher Großstädte“

Studie „Kaum Bewegung, viel Ungleichheit“

Die Studie von Reinhard Pollak (WZB) zeigt, in Deutschland schaffen es weniger als 1% aus einem Elternhaus, in dem der Vater ungelernter Arbeiter ist, selbst in eine leitende Angestelltenposition zu gelangen.
Dagegen werden zwei Drittel der Kinder aus einer leitenden Angestelltenfamilie selbst leitende Angestellte.
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Böll.Thema

Die Ausgabe "Sozialer Aufstieg - Strategien gegen die blockierte Gesellschaft" von Boell.thema liefert Analysen, Reportagen und Überlegungen rund um Fragen sozialer Mobilität und das Leitbild der aufstiegsoffenen Gesellschaft.
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