Unternehmer « Was ist der deutsche Traum?

Artikel getagged mit ‘Unternehmer’

Weit mehr als Gemüseläden: Migranten machen sich überdurchschnittlich oft selbständig

18. April 2011, Comments (1)

Migranten machen sich in Deutschland häufiger selbständig als der Durchschnitt der Bevölkerung. Das zeigt der neue „Global Entrepreneurship Monitor“ für Deutschland, den das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung und die Universität Hannover im April 2011 vorgestellt haben.

Unter den Menschen mit Migrationshintergrund (berücksichtigt wurden Zugewanderte und ihre Kinder) zwischen 18 und 64 Jahren gehören 6,9% zu den Gründerinnen und Gründern, in der Gesamtbevölkerung sind es nur 4,2%. Fast jede(r) vierte Gründer(in) in Deutschland hat einen Migrationshintergrund.

Die Forscher nennen verschiedene Gründe für die höhere Gründungsfreudigkeit unter den Migranten: Vor allem sei der Anteil derjenigen, die angibt, aus mangelnden Alternativen auf dem Arbeitsmarkt den Schritt in die Selbständigkeit gewagt zu haben, größer als bei Nicht-Migranten. Hier dürften u.a. Zugangsbarrieren zum Arbeitsmarkt wie die mangelhafte Anerkennung von ausländischen Ausbildungsabschlüssen, Diskriminierungen eine Rolle spielen.

Erstaunt hat die Forscher, dass sich die Einstellungen der Migranten bezüglich der Selbständigkeit nicht sehr von denen nicht-migrantischer Unternehmer unterscheiden. So sei unter Migranten keine höhere Risikobereitschaft zu verzeichnen. Allerdings gebe es in innerhalb migrantischer Communities mehr Vorbilder für Selbständige. Migranten kennen mehr Personen im persönlichen Umfeld, die sich selbständig gemacht haben.

Das interessanteste Ergebnis der Studie betrifft die Art der von Migranten gegründeten Unternehmen. Im Jahr 2009 hatte Thilo Sarrazin in einem zynischen Interview zur Integrationsfrage gesagt, dass Araber und Türken in Berlin keine produktive Funktion hätten – außer die, Obst- und Gemüseläden zu gründen. Abgesehen davon, dass auch Obst- und Gemüseläden höchst sinnvolle Einrichtungen sind, die Studie von IAB und Universität Hannover zeigt nun, dass Sarrazin auch in seinem Vorurteil über die Selbständigkeit von Migranten wohl falsch liegt.

Die Forscher schreiben

„Insgesamt kann festgestellt werden, dass sich die innovative Qualität der Gründungen von Migranten nicht von denen der einheimischen Bevölkerung unterscheidet“.

und

„Die von Migranten gegründeten Unternehmen sind im Durchschnitt größer als die der einheimischen Gründer. […] Unternehmensgründungen von Migranten haben daher eine etwas höhere Beschäftigungswirkung als die von Nicht-Migranten.“

Foto: digital cat (cc by 2.0)

Über dieses Blog

„Durch eigene Anstrengungen in der Gesellschaft voran kommen, ohne durch ethnische, räumliche oder soziale Herkunft gehindert zu werden: Kann es trotz der vielen Blockaden, die heute in der Bildung und bei der Integration Zugewanderter der sozialen Mobilität im Wege stehen, einen solchen „deutschen Traum“ geben? Dieses Blog diskutiert, ob das Ideal einer aufstiegsoffenen Gesellschaft für emanzipatorische Politik taugt."

Studie „Einwanderinnen und Einwanderer in den Räten deutscher Großstädte“

Studie „Kaum Bewegung, viel Ungleichheit“

Die Studie von Reinhard Pollak (WZB) zeigt, in Deutschland schaffen es weniger als 1% aus einem Elternhaus, in dem der Vater ungelernter Arbeiter ist, selbst in eine leitende Angestelltenposition zu gelangen.
Dagegen werden zwei Drittel der Kinder aus einer leitenden Angestelltenfamilie selbst leitende Angestellte.
Download

Böll.Thema

Die Ausgabe "Sozialer Aufstieg - Strategien gegen die blockierte Gesellschaft" von Boell.thema liefert Analysen, Reportagen und Überlegungen rund um Fragen sozialer Mobilität und das Leitbild der aufstiegsoffenen Gesellschaft.
Inhaltsverzeichnis und Download