Soziale Mobilität « Was ist der deutsche Traum?

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Soziale Mobilität im Vereinigten Königreich

1. November 2010, Comments (0)

In der Bundesrepublik mausert sich die Frage nach fairen sozialen Aufstiegschancen nur langsam zu einer wichtigen Bezugsgröße der Politik. In Großbritannien, auf der vermeintlich klassenbewußten Insel, ist sie es schon seit langem. Sogar der für deutsche Ohren sozialwissenschaftlich-dröge Terminus „Soziale Mobilität“ ist jenseits des Ärmelkanals ein wichtiger Begriff in der politischen Debatte. Seit im Jahr 2009 eine unabhängige Kommission on Social Mobility und ein White Paper „New opportunities. Fair chances for the future“ der Regierung die Diskussion um die Durchlässigkeit der britischen Gesellschaft angefacht haben, hält die Debatte an. Eine spannende Übersicht bietet unter anderem das Online-Angebot der Zeitung The Guardian.

Foto: Wally Gobetz, cc-by-nc-nd/2.0

„If you’d like to live the American Dream, choose Norway“

28. Oktober 2010, Comments (2)

Foto: Neil Clement, cc-by-nd/2.0

Wer auf der Suche nach einem „land of opportunity“ sei, sollte nicht Richtung USA, sondern vielmehr in Richtung Skandinavien schauen. So brachte Kate Pickett am 25.10. die Ergebnisse ihres zusammen mit Richard Wilkinson geschriebenen Buchs „The Spirit Level“ über den Zusammenhang von Einkommensgleichheit und Aufstiegschancen in verschiedenen Gesellschaften auf den Punkt.

Kate Pickett war auf Einladung des Progressiven Zentrums in die Berliner Hertie School of Governance gekommen, um die zentralen Thesen ihres Buches vorzustellen. Die lauten: Industriegesellschaften mit größerer Einkommensgleichheit fahren in fast allen Bereichen besser, als solche, in denen die Einkommensschere weiter auseinander geht. Das gilt für die durchschnittliche Lebenserwartung der Bevölkerung, für Gesundheit und für Bildung gleichermaßen – und auch für die Chancen, die Gesellschaften ihren Mitgliedern bieten, sozial aufzusteigen.

Den Zusammenhang von Gleichheit und Möbilitätschancen legt das Buch eindrucksvoll dar. Aber Korrelationen dürfen nicht mit Kausalitäten verwechselt werden. Warum gleichere Gesellschaften mehr Aufstiegschancen bieten, als ungleichere, diese Frage ist noch nicht beantwortet. Plausibel ist, dass wie auf einer Leiter Aufstiege dann leichter fallen, wenn die Sprossen nicht zu weit auseinander liegen. Es mag auch sein, dass kompetetive Gesellschaften mehr sozialen Stress in die Gesellschaft tragen: Frustration derer, die keine Chancen für sich sehen und Abstiegsängste bei denen, die fürchten müssen, dass sie oder ihre Kinder die angestammte gesellschaftliche Position verlieren könnten. Auch dürfte die öffentliche Infrastruktur eine wichtige Rolle spielen und die Durchlässigkeit des Bildungssystems. Dieses stand denn auch im Mittelpunkt der Diskussion zwischen den Politikern Hubertus Heil (SPD), Tarek Al-Wazir (Grüne) und Stefan Ruppert (FDP), die sich in der Hertie-School an den Vortrag von Pickett anschloss.

Stefan Ruppert kritisierte den Titel der deutschen Ausgabe des Buchs „Gleichheit ist Glück“. Als Liberaler wittere er ein gewisses Totalitarismuspotenzial. Hier werde suggeriert, dass es so etwas gäbe, wie eine universelle Glücksformel für alle.

Tarek Al-Wazir forderte die Schaffung eines Aufstiegsversprechens in der Berliner Republik, das insbesondere jenen eine realistische Perspektive auf soziale Teilhabe bieten müsse, die heute am Rande der Gesellschaft bedroht sind, abgehängt zu werden.

Auch für Hubertus Heil besteht eine zentrale Aufgabe darin, eine „Lebenschancenpolitik“ hinzubekommen. Er stellte jedoch infrage, ob man guten Gewissens von einer Politik für den sozialen Aufstieg sprechen sollte, wenn derzeit viele gar nicht erst den Einstieg (z.B. ins Erwerbsleben) schaffen.

Al-Wazir verteidigte den Aufstiegsbegriff. Ohne die Vorstellung, dass man durch eigene Anstrengungen auch voran kommen kann, würde die Gesellschaft auseinander fallen. Es bedürfe daher vor allem großer Antrengungen in der Bildung. Statt auf Transfers müsse in die soziale Infrastruktur, z.B. in Kindergärten investiert werden.

Mit Hubertus Heil war er sich einig, dass Erwerbsarbeit ein zentraler Motor für gesellschaftliche Teilhabe und Aufstiegschancen. Sie müsse auch angemessen entlohnt werden. Daher forderte er die Einführung von Mindestlöhnen. Ein bedingungsloses Grundeinkommen, auch darin war man sich einig, wäre gerade die falsche Antwort.

Abschließend appellierte Kate Pickett an die Politiker, die in der Gesellschaft vorhandene Sehnsucht nach einer gerechten Gesellschaft, mutiger zu adressieren, als dies bisher geschehe.

Böll-Studie zeigt: Chancen gesellschaftlich aufzusteigen, sind in Deutschland sehr ungleich verteilt

24. Oktober 2010, Comments (0)


Bildung, Integration und faire Aufstiegschancen – als die Idee zu diesem Blog entstand, war kaum abzusehen, das dieses Trio plötzlich im Fokus der politischen Debatterücken würde und alle Zeitungen und Talkshows beschäftigen würde.

Mit einer Studie über soziale Mobilität und die Austiegschancen gerade auch von Menschen mit Migrationshintergrund will die Heinrich-Böll-Stiftung dazu beitragen, die Debatte mit empirischen Befunden unterfüttern. Die Studie „Kaum Bewegung, viel Ungleichheit“ wurde von Reinhard Pollak vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung für die Heinrich-Böll-Stiftung erstellt.Sie zeigt: Die Chancen auf den gesellschaftlichen Aufstieg sind in nur wenigen industriellen Staaten so ungleich verteilt wie in Deutschland. Die Studie kommt zu ernüchternden Ergebnissen: Kinder von ungelernten Arbeitern haben vierzigmal schlechtere Mobilitätsschancen als Kinder, deren Eltern leitende Angestellte sind. Der soziale Fahrstuhl, der lange Zeit in Deutschland für die meisten nach oben fuhr, ist ins Stocken geraten – und am unteren Rand der Gesellschaft schaffen es viele überhaupt nicht, einzusteigen.

Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der aktuellen Debatten um das Thema Integration sind diese Befunde alles andere als dröge Sozialstatistik. Sie weisen aus, wie schlecht es in unserer Gesellschaft um praktische Chancengerechtigkeit bestellt ist. Dass wir uns, wie Reinhard Pollak schreibt

„mehr Ungleichheiten leisten als notwendig, und dies insbesondere zum Nachteil derjenigen Kinder, die mit ihrer geringen sozialen Herkunft vergleichsweise wenig Chancen haben, aus diesen nachteiligen Positionen aufzusteigen“

bedeutet, dass hierzulande nicht alle darauf vertrauen können, durch eigene Anstrengungen voran zu kommen. Soziale Herkunft übertrumpft Talent und Leistungsbereitschaft.

Die Studie wird von der Heinrich-Böll-Stiftung im Rahmen des Programms „Was ist der deutsche Traum? Bildung – Integration – Aufstieg“ herausgegeben, das sich mit fairen Aufstiegschancen als fundamentaler Frage sozialer Gerechtigkeit und zugleich der künftigen Leistungsfähigkeit der modernen Einwanderungsgesellschaft beschäftigt.

Anmerkungen und Kommentare zur Studie und den dort formulierten Schlussfolgerungen sind sehr willkommen

Ausgeträumt? Obama und der „American Dream“

20. Oktober 2010, Comments (0)

Foto: Erik Sommer, cc-by-nc-sa/2.0

Lebt der „American Dream“ unter Barack Obama noch, der ja unter anderem angetreten ist, um gerade diese ur-amerikanische Erzählung wieder mit Leben zu füllen? Belinda Cooper vom World Policy Institute in New York ist sich da nicht sicher. In einem Artikel für die Heinrich-Böll-Stiftung berichtet sie, dass es für viele Amerikanern in Folge der Wirtschaftskrise nicht ums Träumen, sondern ums wirtschaftliche Überleben geht. Sie beobachtet eine eigentümliche Haltung zum Staat. Der solle sich nach Ansicht der meisten US-Bürger möglichst aus allen Angelegenheiten heraushalten, aber er solle dennoch die Krise bewätigen. Und Cooper berichtet über eine zunehmende Feindseligkeit gegenüber Einwanderern, für die es als eine der wenigen Gruppen noch so etwas gebe, wie den Amerikanischen Traum.

Über dieses Blog

„Durch eigene Anstrengungen in der Gesellschaft voran kommen, ohne durch ethnische, räumliche oder soziale Herkunft gehindert zu werden: Kann es trotz der vielen Blockaden, die heute in der Bildung und bei der Integration Zugewanderter der sozialen Mobilität im Wege stehen, einen solchen „deutschen Traum“ geben? Dieses Blog diskutiert, ob das Ideal einer aufstiegsoffenen Gesellschaft für emanzipatorische Politik taugt."

Studie „Einwanderinnen und Einwanderer in den Räten deutscher Großstädte“

Studie „Kaum Bewegung, viel Ungleichheit“

Die Studie von Reinhard Pollak (WZB) zeigt, in Deutschland schaffen es weniger als 1% aus einem Elternhaus, in dem der Vater ungelernter Arbeiter ist, selbst in eine leitende Angestelltenposition zu gelangen.
Dagegen werden zwei Drittel der Kinder aus einer leitenden Angestelltenfamilie selbst leitende Angestellte.
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Böll.Thema

Die Ausgabe "Sozialer Aufstieg - Strategien gegen die blockierte Gesellschaft" von Boell.thema liefert Analysen, Reportagen und Überlegungen rund um Fragen sozialer Mobilität und das Leitbild der aufstiegsoffenen Gesellschaft.
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