Schule « Was ist der deutsche Traum?

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Sag mir, wo Du wohnst …

18. Januar 2011, Comments (1)

… und ich sage Dir, wie gut Deine Kinder in der Schule abschneiden. Der Soziologe Marcus Helbig vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) berichtet in der aktuellen Ausgabe der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie über den Einfluss, den das jeweilige Wohnquartier auf die schulischen Leistungen von Kindern hat. Helbig stützt sich auf Daten der ELEMENT-Studie, die Berliner Grundschüler zwischen der vierten und sechsten Klassen untersucht hat. Er kommt zu dem Ergebnis, dass das Wohnumfeld einen Unterschied ausmacht, der nicht alleine darauf zurück zu führen ist, dass in feinen Wohnvierteln bildungsaffinere Familien leben als in einfacheren. Interessanterweise lässt sich vor allem ein positiver Effekt von sozial starken Nachbarschaften ausmachen. Schülerinnen und Schüler schneiden hier besser ab als Altersgenossen, die aus durchschnittlichen Wohnquartieren stammen. Das, so vermutet Helbig, könnte auf den positiven Einfluss von Rollenvorbildern unter den Erwachsenen und eine stärkere soziale Kontrolle zurück zu führen sein. Kinder aus sozial schwachen Nachbarschaften hingegen sind im Vergleich zu Kindern aus durchschnittlichen Quartieren nicht benachteiligt.

Helbig schreibt

„Ohnehin haben Schüler, deren Eltern einen hohen sozialen Status aufweisen, bereits bessere Bildungschancen durch das vorhandene kulturelle, ökonomische und soziale Kapital ihrer Eltern. Dadurch, dass Eltern mit hohem sozialen Status sich in bestimmten Wohngebieten ballen, profitieren deren Kinder in ihrer Kompetenzentwicklung also zusätzlich durch die aufgezeigten Kontexteffekte.“ (Helbig, Marcel: Neighborhood does matter! KZfSS, 4/2010, S. 676).

Durch eine fortschreitende soziale Entmischung von Kiezen kommt es folglich zu einer Verschärfung von Bildungsungleichheiten. Die Studie zeigt: Soziale Aufstiegschancen haben auch eine räumliche Dimension – zumindest in der Großstadt Berlin.

Foto: Jan Hoffmann (cc by-nc 2.0)

PISA 2009: Nur ein bisschen mehr Chancengleichheit

7. Dezember 2010, Comments (0)

Die neue PISA Studie ist da. Deutschlands Schülerinnen und Schüler sind etwas besser geworden. Ihr Leistungsniveau liegt nun im Mittelfeld der OECD-Staaten.

Gemessen wurde die Lesekompetenz aber auch die Fertigkeiten in Mathematik und den Naturwissenschaften von 15-jährigen Schülerinnen und Schülern. Interessant ist jedoch nicht alleine das durchschnittliche Kompetenzniveau in den einzelnen Staaten, sondern vor allem auch die Frage, wie stark sich jeweils das Elternhaus auf die Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler in den verschiedenen Schulsystemen auswirkt. Das war der eigentliche Skandal an den Ergebnissen der ersten PISA-Studie im Jahr 2000: Dass in kaum einem Land der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Schulleistungen so groß war wie in Deutschland.

Und wie fallen die Ergebnisse eine Deakde später aus? Die Unterschiede in den Leseleistungen werden in Deutschland immer noch wesentlich durch das Elternhaus und die materiellen Verhältnisse geprägt, aus denen die Schülerinnen und Schüler stammen. Der Zusammenhang ist etwas geringer geworden, fällt aber deutlicher aus als z.B. in Finnland, Island, Japan, Kanada und Korea. Diese Länder bieten nicht nur mehr Chancengleichheit, ihre Resultate sind außerdem insgesamt besser.

Die Autoren des Bildungsberichts resümieren ihre Ergebnisse so:

„Zusammenfassend lässt sich für Deutschland eine positive Entwicklung ablesen. Die sozialen Disparitäten in der Lesekompetenz haben seit PISA 2000 bei den Jugendlichen über die Zeit abgenommen. Allerdings ist der Zusammenhang zwischen dem sozioökonomischen Status des Elternhauses und der von den Jugendlichen erreichten Kompetenz im internationalen Vergleich immer noch hoch ausgeprägt. Die bildungspolitische Aufgabe, eine geringe Kopplung bei hohem Kompetenzniveau zu erreichen, bleibt damit weiterhin bestehen.“
(E. Klieme u.a. (Hg.): PISA 2009 – Bilanz nach einem Jahrzehnt, Waxmann 2010)

Den Gesamtbericht (pdf) gibt es auf der Website des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF).

Foto: Gianluca (cc-by-nd)

Über dieses Blog

„Durch eigene Anstrengungen in der Gesellschaft voran kommen, ohne durch ethnische, räumliche oder soziale Herkunft gehindert zu werden: Kann es trotz der vielen Blockaden, die heute in der Bildung und bei der Integration Zugewanderter der sozialen Mobilität im Wege stehen, einen solchen „deutschen Traum“ geben? Dieses Blog diskutiert, ob das Ideal einer aufstiegsoffenen Gesellschaft für emanzipatorische Politik taugt."

Studie „Einwanderinnen und Einwanderer in den Räten deutscher Großstädte“

Studie „Kaum Bewegung, viel Ungleichheit“

Die Studie von Reinhard Pollak (WZB) zeigt, in Deutschland schaffen es weniger als 1% aus einem Elternhaus, in dem der Vater ungelernter Arbeiter ist, selbst in eine leitende Angestelltenposition zu gelangen.
Dagegen werden zwei Drittel der Kinder aus einer leitenden Angestelltenfamilie selbst leitende Angestellte.
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Böll.Thema

Die Ausgabe "Sozialer Aufstieg - Strategien gegen die blockierte Gesellschaft" von Boell.thema liefert Analysen, Reportagen und Überlegungen rund um Fragen sozialer Mobilität und das Leitbild der aufstiegsoffenen Gesellschaft.
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