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PISA 2009: Nur ein bisschen mehr Chancengleichheit

7. Dezember 2010, Comments (0)

Die neue PISA Studie ist da. Deutschlands Schülerinnen und Schüler sind etwas besser geworden. Ihr Leistungsniveau liegt nun im Mittelfeld der OECD-Staaten.

Gemessen wurde die Lesekompetenz aber auch die Fertigkeiten in Mathematik und den Naturwissenschaften von 15-jährigen Schülerinnen und Schülern. Interessant ist jedoch nicht alleine das durchschnittliche Kompetenzniveau in den einzelnen Staaten, sondern vor allem auch die Frage, wie stark sich jeweils das Elternhaus auf die Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler in den verschiedenen Schulsystemen auswirkt. Das war der eigentliche Skandal an den Ergebnissen der ersten PISA-Studie im Jahr 2000: Dass in kaum einem Land der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Schulleistungen so groß war wie in Deutschland.

Und wie fallen die Ergebnisse eine Deakde später aus? Die Unterschiede in den Leseleistungen werden in Deutschland immer noch wesentlich durch das Elternhaus und die materiellen Verhältnisse geprägt, aus denen die Schülerinnen und Schüler stammen. Der Zusammenhang ist etwas geringer geworden, fällt aber deutlicher aus als z.B. in Finnland, Island, Japan, Kanada und Korea. Diese Länder bieten nicht nur mehr Chancengleichheit, ihre Resultate sind außerdem insgesamt besser.

Die Autoren des Bildungsberichts resümieren ihre Ergebnisse so:

„Zusammenfassend lässt sich für Deutschland eine positive Entwicklung ablesen. Die sozialen Disparitäten in der Lesekompetenz haben seit PISA 2000 bei den Jugendlichen über die Zeit abgenommen. Allerdings ist der Zusammenhang zwischen dem sozioökonomischen Status des Elternhauses und der von den Jugendlichen erreichten Kompetenz im internationalen Vergleich immer noch hoch ausgeprägt. Die bildungspolitische Aufgabe, eine geringe Kopplung bei hohem Kompetenzniveau zu erreichen, bleibt damit weiterhin bestehen.“
(E. Klieme u.a. (Hg.): PISA 2009 – Bilanz nach einem Jahrzehnt, Waxmann 2010)

Den Gesamtbericht (pdf) gibt es auf der Website des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF).

Foto: Gianluca (cc-by-nd)

Der Schuster bleibt bei seinen Leisten: Berufe als Aufstiegsbarriere

10. November 2010, Comments (5)

Geht es um die Ursachen für gesellschaftliche Chancenungleichheit, kommt in der Regel – und völlig zu recht – das Bildungssystem zur Sprache. Bildung entscheidet immer mehr über die Aussichten auf gesellschaftliche Teilhabe und einen guten Job. Und spätestens seit den PISA-Studien wissen wir, dass in kaum einem Bildungssystem der Bildungserfolg so stark von der sozialen Herkunft abhängt wie in Deutschland.

Auf der internationalen Konferenz „Europa und der ‚American Dream‘ – Eine transatlantische Traumdeutung“, die am 27. Oktober in der Heinrich-Böll-Stiftung stattfand, wurde die Frage diskutiert, ob die uramerikanische Geschichte vom Tellerwäscher, der zum Millionär aufsteigt, mehr ist als nur ein Mythos. Ausgelotet wurde, wie Politik auf beiden Seiten des Atlantiks dazu beitragen kann, dass Menschen nicht nur voran kommen wollen, sondern dies auch wirklich tun können.

Die Diskussionen der Konferenz drehten sich denn auch stark um die Bildung. Die Daten über soziale Mobilität im internationalen Vergleich, die zu Beginn der Konferenz präsentiert wurden zeigten, dass diejenigen Länder, die im internationalen Vergleich sozial am durchlässigsten sind, genau jene sind, die wir schon als PISA-Sieger kennen und allgemein als Vorbilder für die gute Schule gelten: darunter Finnland, Schweden, Norwegen und Kanada.

Aber die Konferenz nahm auch ein zweites Hindernis für soziale Mobilität in den Blick, über das weniger oft gesprochen wird: die Struktur des Arbeitsmarkts. Reinhard Pollak vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung wies darauf hin, dass die stark beruflich geprägte Struktur des deutschen Arbeitsmarkts eine Mobilitätsbarriere ersten Ranges ist. Berufe können nicht einfach ergriffen werden, Zertifikate entscheiden in Deutschland über den Zugang.

In den USA ist das anders. Tamar Jacoby, die Präsidentin der US-amerikanischen NGO Immigration Works bezeichnete die Aufstiegschancen, die der US-Arbeitsmarkt gerade auch Zugewanderten bietet, als den Kern des amerikanischen Schmelztiegel schlechthin.

In Deutschland hingegen verhindern die starren Karrierewege, die wenig Seiteneinstiege ermöglichen, allzu oft den beruflichen Aufstieg. Dass angesichts dieser Situation in Deutschland türkische Gemüsehändler in der ersten Sarrazin-Debatte als Ausdruck fehlenden Integrationswillens diffamiert wurden, bezeichnete der ehemalige nordrhein-westfälische Integrationsminster Armin Laschet in der Böll-Stiftung als zynisch.

Was aber ist daraus für die Politik zu lernen? Die berufliche Struktur aufzubrechen ist kaum einfach möglich. Und vor allem sollte eines nicht vergessen werden. Was für die Outsider des Arbeitsmarkts eine Eintrittsbarriere darstellt, ist für die Insider eine Absicherung des eigenen Status.

Foto: Ernie|Bert, cc-by-nc

Der Videomittschnitt zur Konferenz:

Über dieses Blog

„Durch eigene Anstrengungen in der Gesellschaft voran kommen, ohne durch ethnische, räumliche oder soziale Herkunft gehindert zu werden: Kann es trotz der vielen Blockaden, die heute in der Bildung und bei der Integration Zugewanderter der sozialen Mobilität im Wege stehen, einen solchen „deutschen Traum“ geben? Dieses Blog diskutiert, ob das Ideal einer aufstiegsoffenen Gesellschaft für emanzipatorische Politik taugt."

Studie „Einwanderinnen und Einwanderer in den Räten deutscher Großstädte“

Studie „Kaum Bewegung, viel Ungleichheit“

Die Studie von Reinhard Pollak (WZB) zeigt, in Deutschland schaffen es weniger als 1% aus einem Elternhaus, in dem der Vater ungelernter Arbeiter ist, selbst in eine leitende Angestelltenposition zu gelangen.
Dagegen werden zwei Drittel der Kinder aus einer leitenden Angestelltenfamilie selbst leitende Angestellte.
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Böll.Thema

Die Ausgabe "Sozialer Aufstieg - Strategien gegen die blockierte Gesellschaft" von Boell.thema liefert Analysen, Reportagen und Überlegungen rund um Fragen sozialer Mobilität und das Leitbild der aufstiegsoffenen Gesellschaft.
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