Pickett « Was ist der deutsche Traum?

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The Spirit Level: Aufstieg und/oder Gleichheit?

19. Oktober 2010, Comments (1)

Foto: .wm, cc-by-nc-nd/2.0

Es gibt eine neue Egalitarismusdebatte. Ausgelöst wurde sie durch das Buch «The Spirit Level» der britischen Epidemiologen Richard Wilkinson und Kate Pickett.

Ihre These lautet kurz zusammengefasst, dass Einkommensungleichheit nicht nur für die Armen nachteilig ist, sondern der gesamten Gesellschaft, also auch den Reichen, schadet. Anhand zahlreicher Indikatoren zeigen sie, dass im internationalen Vergleich nicht etwa ärmere Gesellschaften schlechter abschneiden als reichere, sondern «gleichere» Gesellschaften durchweg besser fahren als solche, in denen sich die Schere zwischen Arm und Reich weiter öffnet. Lebenserwartung, Kindersterblichkeit, Fettsucht, Kriminalität usw. – die Liste ist lang, die Ergebnisse sind verblüffend eindeutig: Japan und die skandinavischen Länder stehen durchweg gut da, die USA, das Vereinigte Königreich und Portugal landen in jeder Hinsicht auf den letzten Plätzen. Die Befunde sind nach Ansicht der Autoren sozialpsychologisch zu erklären. Wer nur mit Mühe gesellschaftliche Anerkennung erlangen kann oder um seinen Status bangen muss, steht unter großem Stress. Der macht krank, unglücklich und verkürzt das Leben. Politisch müsse es also darum gehen, Einkommensungleichheit zu reduzieren. Schon kleine Fortschritte würden hier größere Wohlfahrtgewinne erzeugen als das «Herumdoktern» an den einzelnen Symptomen.

Ist die Frage nach sozialen Aufstiegschancen also obsolet? Brauchen wir einfach und alleine mehr Gleicheit?

Die Egalitarismusdebatte und die Frage nach den sozialen Aufstiegschancen haben mehr Berührungspunkte, als man auf den ersten Blick denken könnte. Zwar legt die erstere eher die Eindämmung wettbewerblicher Strukturen und den sozialen Ausgleich nahe; während das Leitmotiv einer sozial mobilen Gesellschaft auf Aspirationen und Anstrengungen von Individuen und damit auf Leistungsorientierung verweist. Unvereinbar sind die Perspektiven deshalb nicht. Richtig ist zunächst, dass Aufstiege in Gesellschaften mit größerer Gleichheit besser funktionieren als in ungleichen. Intuitiv nachvollziehbar ist auch, dass materielle Voraussetzungen die individuellen Chancen auf den sozialen Aufstieg stark beeinflussen.

Es bieten sich zwei Stellschrauben für die gesellschaftliche Reform an: zum einen die Verringerung der gesellschaftlichen Ungleichheit durch Maßnahmen wie Umverteilung und Mindestlöhne, zum anderen die Schwächung des Zusammenhangs von materieller Ungleichheit und individueller Zukunftschancen. Hier spielt eine starke öffentliche Infrastruktur eine überragende Rolle, etwa gute Kinderbetreuungseinrichtungen und gute Schulen, die ungleiche familiäre Startbedingungen ausgleichen könnten.

Am Montag, den 25.10., diskutiert Kate Pickett, die Co-Autorin von „The Spirit Level“, auf Einladung des Progressiven Zentrums mit Politikern über die Frage: „Die egalitäre Gesellschaft – besser für alle?“. Die Diskussion findet am 25.10. von 13-15 Uhr in der Berliner Hertie School of Governance, Friedrichstraße 180, statt. Infos und Anmeldung unter http://www.progressives-zentrum.org/dpz.php/cat/47/aid/839/title/Die_egalitaere_Gesellschaft_-_besser_fuer_alle_

Über dieses Blog

„Durch eigene Anstrengungen in der Gesellschaft voran kommen, ohne durch ethnische, räumliche oder soziale Herkunft gehindert zu werden: Kann es trotz der vielen Blockaden, die heute in der Bildung und bei der Integration Zugewanderter der sozialen Mobilität im Wege stehen, einen solchen „deutschen Traum“ geben? Dieses Blog diskutiert, ob das Ideal einer aufstiegsoffenen Gesellschaft für emanzipatorische Politik taugt."

Studie „Einwanderinnen und Einwanderer in den Räten deutscher Großstädte“

Studie „Kaum Bewegung, viel Ungleichheit“

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Dagegen werden zwei Drittel der Kinder aus einer leitenden Angestelltenfamilie selbst leitende Angestellte.
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Böll.Thema

Die Ausgabe "Sozialer Aufstieg - Strategien gegen die blockierte Gesellschaft" von Boell.thema liefert Analysen, Reportagen und Überlegungen rund um Fragen sozialer Mobilität und das Leitbild der aufstiegsoffenen Gesellschaft.
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