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Allensbach-Studie: Wachsende Schichtunterschiede

18. August 2011, Comments (0)

Die Mehrheit der Deutschen erwartet, dass die Unterschiede zwischen den sozialen Schichten weiter wachsen werden. Zu diesem Ergebnis kommt eine Umfrage, die das Institut für Demoskopie Allensbach für die Frankfurter Allgemeine Zeitung durchgeführt hat.

Institutsleiterin Köcher schreibt in der FAZ vom 17.8., dass diese Einschätzung durchaus begründet sei, denn die materielle Lage der sozialen Schichten entwickle sich tatsächlich auseinander. Während Mittel- und Unterschicht vom Arbeitseinkommen und damit stark von der wirtschaftlichen Konjunktur abhängig seien, hätte sich die Oberschicht aus dieser Abhängigkeit befreit. Ihr Wohlstand gründe sich zunehmend auf Vermögenseinkünften, Erbschaften und Schenkungen.

Mit den materiellen Unterschieden würden sich auch soziale und kulturelle Differenzen verfestigen, heißt es weiter. So entwickle sich insbesondere die Gesundheitsorientierung sowie das Interesse an Politik und Kultur auseinander – ein letztlich sich selbst verstärkender Prozess.

„Von den Eltern von Schulkindern aus den höheren sozialen Schichten möchten annähernd 70 Prozent ihren Kindern unter anderem Lesefreude vermitteln, von den Eltern aus den unsteren sozialen Schichten gerade einmal 26 Prozent“

Das materielle Auseinanderdriften der Schichten erfolge fast „zwangsläufig“ in längeren Friedenzeiten, schreibt Köcher. Auf diese Grundtendenz hat auch der Tübinger Soziologe Christoph Deutschmann mehrfach hingewiesen – und macht darin eine Ursache für Finanzkrisen aus, weil das in den Oberschichten akkumulierte Kapital keine produktiven Anlagegelegenheiten findet und es so zu Finanzblasen komme, die am Ende platzen.

Foto: redronafets (cc by-nc-nd 2.0)

Brand eins über die Mitte

7. März 2011, Comments (0)

Auch das Wirtschaftsmagazin brand eins beschäftigt sich mit der Mitte der Gesellschaft. Die neue März-Ausgabe trägt den Titel „Ab durch die Mitte“. Darin ein Interview mit dem Sozialwissenschaftler Daniel Gardemin aus Hannover, der die Entstehung der Mittelschicht skizziert (siehe zum gleichen Thema auch den Veranstaltungsbericht „Was ist los mit der Mittelschicht?„). Die Mittslschicht sei heute kein einheitliches Milieu. Gardemin unterscheidet zwischen der traditionellen Mitte und der neuen Mitte, auf die heute so viele Parteien abzielen. Während erstere „am Bewährten und Erreichten“ festhalte, mache sich letztere „den beständigen Wandel zu eigen“. Zwischen traditioneller und neuer Mitte verliefen heute die gesellschaftlichen Konfliktlinien, so Gardemin, z.B. in der Bildung. Den einen gehe es darum, ihren Status verteidigen; die anderen wollten Aufstiegschancen für alle Kinder.

Foto: evanrlew (cc by-nc 2.0)

Hilfe, wir brauchen einen Doktor!

28. Februar 2011, Comments (2)

Als Karl-Theodor zu Guttenberg in der ersten Stellungnahme zur Debatte um seine Doktorarbeit „den einen oder anderen Fehler“ zugab, bat er um Verständnis für die schwierigen Bedingungen, unter denen die Arbeit entstanden sei. Seine Dissertation habe er neben der Abgeordnetentätigkeit als junger Familienvater in sieben Jahren „in mühevollster Kleinarbeit“ geschrieben. Statt Kritik, so musste man die Ausführungen verstehen, sei viel eher Respekt angemessen für einen, der sich durch persönliche Anstrengungen und Investitionen in die eigene Bildung bemüht habe, im Leben voranzukommen.

Hier rechtfertigte sich ein Adliger mit dem klassischen Wertkanon der Mittelschicht. Diese hatte einst mit meritokratischen Prinzipien die Vorherrschaft des Adels zu Fall gebracht. Nicht mehr der Zufall der eigenen Herkunft sollte über die gesellschaftliche Position des Einzelnen entscheiden, sondern alleine dessen Anstrengungen und Aspirationen.

Es mag sein, dass für einen Baron der besondere Reiz der Promotion darin lag, dass der „Dr.“ im Namen eine herausgehobene gesellschaftliche Stellung des Titelträgers durch Leistung rechtfertigt: Da hat sich jemand mehrere Jahre hingesetzt und in entbehrungsreicher Arbeit neue Wissensgebiete erschlossen.

Nachdem nun deutlich geworden ist, dass zu Guttenbergs Titel weniger ein Ausweis harten wissenschaftlichen Arbeiten war, sondern allenfalls mühevollen Kopierens, hätte man eigentlich erwarten müssen, dass sich die Öffentlichkeit enttäuscht vom Minister abwenden würde. Doch das scheint nicht der Fall zu sein. Laut verschiedenster Umfragen genießt zu Guttenberg in der Bevölkerung weiterhin hohe Popularitätswerte – trotz der überaus kritischen Medienberichterstattung (mit Ausnahme der BILD).

Das Engagement insbesondere der Frankfurter Allgemeinen und der Süddeutschen Zeitung in der Aufarbeitung der Affäre mag sich mit deren Unverständnis gegenüber breiten Teilen der Bevölkerung erklären, die offensichtlich bereit sind, Täuschen und Durchmogeln genauso zu honorieren wie Leistungsbereitschaft und persönlichen Einsatz. Die Journalisten, die nicht nachlassen, zu Guttenberg anzugehen, scheinen erkannt zu haben, dass die Axt an Grundwerte des bürgerlichen Selbstverständnisses gelegt wird, wenn wissenschaftliche Redlichkeit, ehrliche Arbeit und die Vorstellung, den Aufstieg durch harte Arbeit zu erreichen, zukünftig als entbehrlich erachtet würden. Sie brauchen die Achtung vor dem „Doktor“, die auf ihren Bildungsanstrengungen gründet.

Der Göttinger Politikwissenschaftler Franz Walter sieht aus dieser Richtung die größte Gefahr für zu Guttenberg kommen. Sollte er stürzen, schreibt Walter im Spiegel, dann vermutlich nicht wegen der moralischen Verfehlungen, die er zweifelsfrei begangen habe, sondern weil die Mittelschicht erkennen könnte, das der Umgang mit der Affäre gegen ihre ureigenen Interessen verstoße:

„Nun dämmert den akademisch-arrivierten Mittelschichten mit Hochschulzertifikaten, dass die Nonchalance der CDU-Granden und Guttenberg-Apologeten – „was sind schon Fußnoten“; „scheiß was auf den Doktor“ – ihre Berechtigungsausweise für berufliche Erfolge und gesellschaftliche Statuspositionen gefährden.“

Man darf gespannt sein, ob die Mittelschichten ihre Distinktionsmechanismen gegen BILD und Machterwägungen der CDU werden verteidigen können.

TV-Hinweis: Mittelschicht – Angst vor dem Abstieg

23. Februar 2011, Comments (0)

Passend zur Veranstaltung „Was ist los mit der Mittelschicht? Zur Krise eines Sehnsuchtsortes“ ein TV Hinweis: Am 22. Februar beleuchtete eine ARTE-Dokumentation die Lage der Mittelschicht in Frankreich und Deutschland. Die Reportage zeichnet dabei ein etwas sehr düster geratenes Bild von der Mitte der Gesellschaft. Die Sendung „Mittelschicht – Angst vor dem Abstieg“ kann im Internet auf den Seiten von ARTE nachgesehen werden.

Foto:anthony kelly (cc-by 2.0)

Was ist los mit der Mittelschicht?

14. Februar 2011, Comments (3)

Am 7. Februar diskutierten Ulrike Herrmann (taz), Berthold Vogel (Universität Kassel) und Jürgen Kaube (FAZ) in der Heinrich-Böll-Stiftung über die Krise des „Sehnsuchtsortes Mittelschicht“.

Eine der prägendsten Selbstbeschreibungen der Bundesrepublik in der Nachkriegszeit lautete so: Deutschlands Sozialstruktur ähnelt einer Zwiebel, wenige Reiche oben, wenige Arme unten. In der Mitte ein ausladender Bauch: Die Mittelschicht. Die Diagnose des Soziologen Helmut Schelsky aus den 50er Jahren, Deutschland sei eine nivellierte Mittelstandsgesellschaft, prägte lange Jahre die Debatte.

Heute hingegen herrscht viel Unsicherheit, wenn es um die Mitte der Gesellschaft geht. Worüber man genau spricht, wenn man Mittelschicht sagt, ist nicht mehr eindeutig. Unklar ist, wie viele Bürger der gesellschaftlichen Mitte überhaupt angehören. Sind es in letzter Zeit mehr geworden oder eher weniger? Die Meinungen gehen auseinander. In der ZEIT bedauerte Elisabeth Niejahr jüngst, dass der eigentlich beste Titel für eine Publikation über die Mittelschicht bereits vergeben ist: an den Bestseller “Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?” von Richard David Precht.

Der Begriff Mittelschicht scheint heute eine natürliche Verbindung mit dem der Krise eingegangen zu sein. Es geht um prekäre Arbeitsverhältnisse, um die Angst vor dem sozialen Abstieg, um unsichere Perspektiven für die Kinder. Zuletzt sorgte die Diagnose des DIW für Aufsehen, dass die Mittelschicht schrumpft. Ist die nivellierte Mittelstandsgesellschaft endgültig passé? Was ist dran an der Krise der Mittelschicht in Deutschland? Wie real sind die Befürchtungen vor dem sozialen Abrutschen? Welche Wirkung hat es, wenn die gesellschaftliche Mitte als Ziel gesellschaftlicher Aufstiegsaspirationen unattraktiv wird? Das waren die Fragen der Diskussion „Was ist los mit der Mittelschicht? Zur Krise eines Sehnsuchtsorts“, die im Rahmen der Reihe „Was ist der deutsche Traum? Bildung – Integration – Aufstieg“ am 8. Februar 2011 in der Heinrich-Böll-Stiftung stattfand.

Audiomitschnitt der Veranstaltung

Foto: Stephan Röhl
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Selbst daran Schuld? – Der Absturz der Mittelschicht

31. Januar 2011, Comments (1)

Am Freitag, den 7.2 um 19 Uhr lädt die Heinrich-Böll-Stiftung zur Diskussionsveranstaltung „Was ist los mit der Mittelschicht? Zur Krise eines Sehnsuchtsortes„. Mit von der Partie ist die taz-Autorin Ulrike Herrmann. Sie ist Autorin des Buches „Hurra, wir dürfen zahlen. Der Selbstbetrug der Mittelschicht“ und wird erläutern, worin genau der von ihr diagnostizierte Selbstbetrug der Mitte besteht. Grob gesagt, behauptet Ulrike Herrmann, dass die Mittelschicht nicht in der Lage ist, für die eigenen Interessen einzutreten. Sie würde nicht wahrnehmen, wie weit sie von der Oberschicht entfernt ist, wie unwahrscheinlich es ist, aus der Mitte nach oben aufzusteigen.
Statt sich dafür einzusetzen, dass die Reichen finanziell stärker belastet werden, verschwende sie Kraft und Aufmerksamkeit darauf, sich von der Unterschicht abzugrenzen.

Dabei wäre es das ureigene Interesse der Mitte, sich mit den Armen zu verbünden, so Herrmann, „denn solange sich die Mittelschicht weiterhin mit aller Macht gegen die Unterschicht abgrenzt, wird sie jene Allianz mit den Eliten fortsetzen, die alleine den Reichen nutzt.“

Was ist dran an der vermeintlichen Selbsttäuschung der Mittelschichten? Ist sie die Ursache, für das Abbröckeln der gesellschaftlichen Mitte, die immer wieder beklagt wird? Das diskutiert Ulrike Herrmann am 7. Februar mit Berthold Vogel (Uni Kassel) und Jürgen Kaube (FAZ).

Foto: Helico (cc by-nc-nd 2.0) Die Aufnahme zeigt das Werk „Auch Helden haben schlechte Tage“ von Marcus Wittmers vor dem Jüdischen Museum Berlin.

Brauchen wir die Mittelschicht noch?

23. Januar 2011, Comments (2)

Eine der prägensten Selbstbeschreibungen der Bundesrepublik in der Nachkriegszeit lautete so: Deutschlands Sozialstruktur ähnelt einer Zwiebel, wenige Reiche oben, wenige Arme unten. In der Mitte ein ausladender Bauch: Die Mittelschicht. Deutschland sei eine nivellierte Mittelstandsgesellschaft, diese Diagnose des Soziologen Helmut Schelsky aus den 50er Jahren prägte lange die Debatte.

Heute herrscht viel Verwirrung um die Mitte der Gesellschaft. Worüber man genau spricht, wenn man Mittelschicht sagt, ist nicht mehr eindeutig. Unklar ist, wie viele Bürger der gesellschaftlichen Mitte überhaupt angehören. Sind es in letzter Zeit mehr geworden oder eher weniger? Die gesellschaftliche Mitte ist gar so wenig greifbar, dass Elisabeth Niejahr in der Ausgabe der ZEIT vom 20. Januar bedauert, dass der beste Titel für eine Publikation über die Mittelschicht bereits vergeben ist: an den Bestseller „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“ von Richard David Precht.

Mit einer neuen Studie dürfte das Roman-Herzog-Institut die Verwirrung um die Situation der Mittelschicht noch weiter steigern. Wissenschaftler des IW Köln haben in seinem Auftrag vermeintliche „Mythen über die Mittelschicht“ aufgedeckt.

Die Autorinnen und der Autor haben einige Daten zusammengetragen, die von den Befunden anderer Forschungsarbeiten der letzten Zeit abweichen: Der Mittelschicht gehe es eigentlich sehr gut, so lässt sich die neue Studie kurz zusammenfassen. Entgegen anderslautender Meldungen, die zuletzt aus dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung zu hören waren, sei die Mittelschicht nicht geschrumpft. Auch habe sich die Einkommensschere zwischen Arm und Reich nicht weiter geöffnet. Genau das hatte jedoch jüngst die Bertelsmann Stiftung diagnostiziert.

Ein großer Teil der Verwirrung mag darauf zurückzuführen sein, dass in den Studien nicht immer das gleiche gemessen wird. So macht es einen Unterschied wie die Mittelschicht definiert wird. Zieht man das Haushaltseinkommen heran, wie es u.a. das IW Köln getan hat, oder legt man berufliche Positionen, Bildungsabschlüsse oder subjektive Selbsteinschätzung von Bürgern zurgrunde? Je nach Herangehensweise kommt man zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen. Untersucht man das regelmäßige Einkommen von Haushalten oder bezieht man auch andere Einkünfte ein, oder auch das Vermögen, über das Haushalte verfügen?

Noch interessanter als die Unterschiede in den Zahlen sind die Schlussfolgerungen, die jeweils aus den empirischen Daten gezogen werden. Autor und Autorinnen der Studie des IW Köln kommen zu einem recht verblüffenden Schluss wenn sie schreiben:

Eine stabile Gesellschaft mit sozialem Frieden ist nicht auf eine große Mittelschicht angewiesen, sondern kann auch über Mobilitätschancen gewährleistet werden. (Enste, Erdmann, Kleineberg: Mythen über die Mittelschicht, Roman Herzog Institut 2011 S. 15)

Daraus leiten sie für die Politik die Empfehlung ab, weniger auf Umverteilung als auf eine Erhöhung der sozialen Mobilität zu setzen. Eine breite Mittelschicht wird gleichgesetzt mit einer homogenen Gesellschaft, die nur wenige Anreize zum individuellen Aufstieg durch eigene Anstrengungen setzt.

Damit dürfte die wichtige Rolle, die die Mittelschicht als gesellschaftlicher Orientierungsrahmen und Stabilitätsanker spielt, völlig unterschätzt werden. Unklar bleibt, worauf sich Aufstiegsaspirationen beziehen sollen, wenn nicht auf den Sehnsuchtsort Mittelschicht – über den übrigens am 7.2. in der Reihe „Was ist der deutsche Traum? Bildung – Integration – Aufstieg“ in der Heinrich-Böll-Stiftung diskutiert werden wird (mehr Infos hier).

Foto: Thomas Kohler (cc by-sa 2.0)

Über dieses Blog

„Durch eigene Anstrengungen in der Gesellschaft voran kommen, ohne durch ethnische, räumliche oder soziale Herkunft gehindert zu werden: Kann es trotz der vielen Blockaden, die heute in der Bildung und bei der Integration Zugewanderter der sozialen Mobilität im Wege stehen, einen solchen „deutschen Traum“ geben? Dieses Blog diskutiert, ob das Ideal einer aufstiegsoffenen Gesellschaft für emanzipatorische Politik taugt."

Studie „Einwanderinnen und Einwanderer in den Räten deutscher Großstädte“

Studie „Kaum Bewegung, viel Ungleichheit“

Die Studie von Reinhard Pollak (WZB) zeigt, in Deutschland schaffen es weniger als 1% aus einem Elternhaus, in dem der Vater ungelernter Arbeiter ist, selbst in eine leitende Angestelltenposition zu gelangen.
Dagegen werden zwei Drittel der Kinder aus einer leitenden Angestelltenfamilie selbst leitende Angestellte.
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Böll.Thema

Die Ausgabe "Sozialer Aufstieg - Strategien gegen die blockierte Gesellschaft" von Boell.thema liefert Analysen, Reportagen und Überlegungen rund um Fragen sozialer Mobilität und das Leitbild der aufstiegsoffenen Gesellschaft.
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