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Aufstiegshoffnung und Wachstumsdenken

29. April 2011, Comments (1)

Im jüngst erschienenen Band „Mentale Infrastrukturen“ der Heinrich-Böll-Stiftung geht der Essener Sozialpsychologe Harald Welzer der Frage nach, „wie das Wachstum in die Welt und in die Seelen kam“ und benennt nicht zuletzt die Autonomie des modernen Menschen und sein Streben nach sozialem Aufstieg als Ursache für eine über die ökologischen Grenzen hinaus wachsende Weltwirtschaft.

Dass heutzutage kaum ein Wissenschaftler, Politiker oder Unternehmer ernsthaft bereit sei, über eine Welt ohne Wirtschaftswachstum nachzudenken, liegt für Welzer nicht alleine in den politischen Strukturen und den Gesetzen des Kapitalismus begründet. Zwar verlangten sowohl die Verfassung unserer Wirtschaft als auch die unseres Sozialstaat fortlaufend nach Wachstum. Welzers Ausgangsthese lautet aber, dass das Wachstumsdenken heute vor allem deshalb so mächtig beeinflusst, weil es tief und fest in den mentalen Strukturen des modernen Menschen fest eingeschrieben sei.

Interessant ist, wie Welzer den Weg nachzeichnet, über den sich der Wachstumsgedanke in historisch kurzer Zeit in unseren Köpfen festsetzte. Dabei bekommt man beim Lesen den Eindruck, Welzer trauere den Zuständen der Vormoderne durchaus ein wenig hinterher. Das moderne Selbstverständnis des Menschen, Autor seiner eigenen Biografie zu sein und nach Höherem zu streben, sei schließlich vor allem eins: ein Wachstumstreiber.

Vor der Industrialisierung habe Wachstum schon deshalb keine große Rolle spielen können, weil Wachstum eine Vorstellung von der Zukunft benötigt, in der es – wovon auch immer – „mehr“ geben soll, als die Gegenwart zu bieten hat. Bis ins 17. Jahrhundert habe es eine solche Vorstellung von Zukunft im Alltag der Menschen aber gar nicht gegeben. Zukunft, das war die Rückkehr Christi. Das irdische Leben war statisch. Es galt das Prinzip, „ dass es weniger an den Ambitionen und Leistungen der einzelnen liegt, wo sie ihren gesellschaftlichen Platz einnehmen; dieser Platz hängt ganz einfach davon ab, in welche Situation und gesellschaftliche Lage sie hineingeboren wurden.“

So treffend Welzers Bilder auch sind, die im Gegensatz dazu für eine auf stetiges Wachstum ausgerichtete heutige Welt stehen („Laptop-Männer, die alle Züge, Flugzeuge und Warte-Lounges dieser Welt bevölkern: Alle werden niemals fertig“), und so nachvollziehbar die Kritik an einer Konsumgesellschaft, die Wachstum ständig perpetuiert und in der gar nicht mehr alles konsumiert werden kann, was gekauft wird. Verwunderlich ist doch, wie wenig die unterschiedlichen sozialen Ausgangsbedingungen der Menschen bedacht werden. So ist es laut Welzer nicht nur ein Problem, dass Sinn zunehmend über Konsum realisiert wird. Auch das Streben nach sozialem Aufstieg ist für ihn problematisch – ganz so, als gäbe es keine legitimen Ansprüche, zumal derer am unteren Ende der Gesellschaft, ihre Lebensumstände – auch materiell – durch sozialen Aufstieg zu verbessern.

Zumindest kann man Welzers Text so lesen, als seien heute, da sich die Bedingungen von Wachstum dramatisch verändert haben (Ressourcen werden knapp, der Anteil der Bevölkerung, der Anspruch auf die knappen Güter erhebt, wächst) solche Ansprüche nicht mehr legitim. Wachstum bedeute Raubbau an der Zukunft. Richtig ist sicher Welzers Diagnose, dass der notwendige „Totalumbau von der carbonen zur postcarbonen Gesellschaft“ mit Technik und kluger Steuerpolitik alleine nicht zu bewältigen ist. Es müssten, wie Welzer es ausdrückt auch die mentalen Infrastrukturen verändert werden, die Art wie wir denken, wie wir die Welt und unsere Gesellschaft betrachten. Zulange hätten die Ökologen versucht, an die Vernunft und die Moral zu appellieren. Welzer fordert stattdessen eine neue Zukunftsvision davon, wir im Jahr 2025 leben wollen und dass die Zukunft „wieder eine Kategorie des Politischen“ wird. Aber ist das nicht auch wieder ein Vorgriff auf Zukunft, die Selbstüberbietung der Gegenwart in die verzeitlichte Utopie? Eine Antwort, wie ein zukunftsfähiges Lebensmodell ohne die innovative Kraft des Strebens des modernen Menschen nach einem besseren Leben aussehen könnte, bleibt Welzer schuldig.

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„Durch eigene Anstrengungen in der Gesellschaft voran kommen, ohne durch ethnische, räumliche oder soziale Herkunft gehindert zu werden: Kann es trotz der vielen Blockaden, die heute in der Bildung und bei der Integration Zugewanderter der sozialen Mobilität im Wege stehen, einen solchen „deutschen Traum“ geben? Dieses Blog diskutiert, ob das Ideal einer aufstiegsoffenen Gesellschaft für emanzipatorische Politik taugt."

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