Leistung « Was ist der deutsche Traum?

Artikel getagged mit ‘Leistung’

Chancengerechtigkeit – immer wieder

19. November 2010, Comments (1)

Nicht der Zufall der eigenen Herkunft soll darüber entscheiden, was man im Leben erreichen kann, sondern individuelle Aspirationen und Anstrengungen. Das ist der Kern der Vorstellung von einer chancengerechten Gesellschaft, die allen die Möglichkeit zum Aufstieg bietet.

Was sich zunächst gut anhört, weil wir doch alle für unsere Bemühungen belohnt werden möchten, ist als gesellschaftliches Leitmotiv höchst umstritten. Und zwar weil es auf dem Leistungsprinzip beruht.

Völlig zu Recht wird vielen Anhängern des Leistungsprinzips vorgehalten, dass sie allzu gerne die strukturell unterschiedlichen Ausgangslagen von Individuen übersehen. Nicht alle Menschen haben die gleichen Startchancen und die Aussichten, etwas zu leisten, das gesellschaftliche Anerkennung erfährt, sind höchst ungleich verteilt.

Will man sich in emanzipatorischer Absicht auf Leistungsorientierung berufen („Leistung statt Herkunft“), dann muss die Unterschiedlichkeit der Ausgangslagen berücksichtigt werden. Klar ist, dass sich vollständige Chancengleichheit nie wird herstellen lassen. Nicht zuletzt können unterschiedliche persönliche Eigenschaften, Neigungen und Talente – zum Glück – nicht einfach angeglichen werden. Ungerecht ist es jedoch, wenn die Unterschiede in den Ausgangsbedingungen, die sich beeinflussen ließen, stärker in den jeweiligen individuellen Lebenschancen niederschlagen, als notwendig. Darin liegt der Skandal der deutschen PISA-Ergebnisse: Dass sich der familiäre Hintergrund in Deutschland stärker auswirkt als in den meisten anderen Ländern.

In einem Beitrag zur Publikation „Transmission 02“ der Vodafone Stiftung Deutschland zeigt Prof. Nils Goldschmidt von der Universität der Bundeswehr in München, dass es um mehr gehen muss, als um gerechte Startchancen. Er schreibt

„Faktisch wird es nie gelingen können, den Wettlauf des Lebens unter gleichen Bedingungen zu starten, und vor allem werden sich im Verlauf des Lebens immer wieder Hindernisse und Umwege zeigen, deren Bewältigung auch die beste Annäherung an eine Startgerechtigkeit nicht a priori sicherstellen kann.“

Er plädiert für einen dynamischen Begriff der „Chancengerechtigkeit“, bei dem es nicht nur um gleiche Startchancen geht. Nötig ist, dass Individuen im Lebensverlauf immer wieder Chancen und auch Unterstützung angeboten werden, die sie in die Lage versetzen an der Gesellschaft teilzuhaben. Beispiel Bildungssystem: Immer wieder muss es zweite Chancen gewähren und Quereinstiege zulassen.

Nachzulesen ist der Artikel auf der Website der Vodafone Stiftung Deutschland. In der kleinen aber feinen Reihe „Transmissionen“ finden sich dort viele interessante Texte zum Thema sozialer Aufstieg.

Foto: Manel, cc-by-nd, 2.0

Über dieses Blog

„Durch eigene Anstrengungen in der Gesellschaft voran kommen, ohne durch ethnische, räumliche oder soziale Herkunft gehindert zu werden: Kann es trotz der vielen Blockaden, die heute in der Bildung und bei der Integration Zugewanderter der sozialen Mobilität im Wege stehen, einen solchen „deutschen Traum“ geben? Dieses Blog diskutiert, ob das Ideal einer aufstiegsoffenen Gesellschaft für emanzipatorische Politik taugt."

Studie „Einwanderinnen und Einwanderer in den Räten deutscher Großstädte“

Studie „Kaum Bewegung, viel Ungleichheit“

Die Studie von Reinhard Pollak (WZB) zeigt, in Deutschland schaffen es weniger als 1% aus einem Elternhaus, in dem der Vater ungelernter Arbeiter ist, selbst in eine leitende Angestelltenposition zu gelangen.
Dagegen werden zwei Drittel der Kinder aus einer leitenden Angestelltenfamilie selbst leitende Angestellte.
Download

Böll.Thema

Die Ausgabe "Sozialer Aufstieg - Strategien gegen die blockierte Gesellschaft" von Boell.thema liefert Analysen, Reportagen und Überlegungen rund um Fragen sozialer Mobilität und das Leitbild der aufstiegsoffenen Gesellschaft.
Inhaltsverzeichnis und Download