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Bildungsgerechtigkeit – eine große Illusion?

21. Februar 2011, Comments (1)

Weniger als ein Prozent der Bevölkerung schafft den Aufstieg von ganz unten in der Gesellschaft nach ganz oben. Dagegen gelingt es über zwei Dritteln aller Kinder, deren Eltern leitende Angestellte sind, selbst wieder eine ähnliche Position zu ergattern (siehe die Studie „Kaum Bewegung, viel Ungleichheit“ von Reinhard Pollak).

Geht es darum, diese Ungerechtigkeit zu beseitigen, fällt der Blick zuallererst auf das Bildungssystem. Kann es helfen, den Zufall der eigenen sozialen Herkunft auszugleichen und allen Kindern die gleichen Entwicklungschancen zu gewähren? Auf Einladung der Vodafone-Stiftung diskutierten vor einigen Tagen renommierte Bildungsforscher über genau diese Frage. In der FAZ hat Heike Schmoll über die Tagung berichtet und gibt eine ernüchternde Antwort. Sie schreibt

„Durch das Bildungswesen soziale Unterschiede beseitigen zu wollen ist eine Illusion.“ („Soziale Unterschiede bleiben“, FAZ, 9.2.2011)

Schmoll verweist dabei unter anderem auf den Züricher Bildungsforscher Helmut Fend, der in einer Längsschnittstudie (LifE) zeigen konnte, dass Schule Herkunftseffekte zwar zeitweilig abmildern könne, dass diese aber im späteren Lebensverlauf wieder zum Tragen kommen.

Was folgt daraus? Muss man die Vorstellung von Chancengerechtigkeit komplett aufgeben? Wohl kaum. Schon Fend weist darauf hin, dass Schule immer beides ist: Eine Institution zur Reproduktion sozialer Ungleichheit und zugleich Instanz für sozialen Aufstieg für Kinder aus bildungsferneren Schichten.

Das Bildungssystem ist überfordert, wenn es soziale Unterschiede vollständig beseitigen soll. Es muss aber darum gehen, die Unterschiede nicht weiter zu verstärken – sie wo immer möglich sogar abzumildern. Dazu bedarf es der besonderen Förderung benachteiligter Kinder und eine Durchlässigkeit des Bildungssystems, das immer wieder Anschlussmöglichkeiten für den Aufstieg bieten muss. Dabei geht es in der Regel nicht um den kometenhaften Aufstieg von Kindern ungelernter Arbeiter, die am Ende auf der Universität landen. So schön diese Erfolgsgeschichten auch sind, entscheidend ist die Förderung „kurzer“ Aufstiege – und zwar gerade für diejenigen, die bedroht sind, abgehängt zu werden.

Ca. 20 Prozent aller Schülerinnen und Schüler verlassen heute in Deutschland mit so geringen Kompetenzen die Schule, dass sie zu einer selbständigen Teilhabe an der Gesellschaft nur eingeschränkt in der Lage sind. In erster Linie muss diese Bildungsarmut beseitigt werden. Dazu hat die die Schulkommission der Heinrich-Böll-Stiftung vor einiger Zeit Empfehlungen erarbeitet. Unter anderem fordert sie, dass Schulen verpflichtet werden müssen, keine Schülerinnen und Schüler ohne Basiskompetenzen mehr zu entlassen. Eine Bringschuld für die Schulen, die den Einsatz enormer Ressourcen bedeutet. Wird diese Investition aber unterlassen, wird es noch teurer.

Foto: Andreas Demmelbauer (cc by-sa 2.0)

Der Aufstieg, den wir meinen

16. Januar 2011, Comments (0)

Die Sozialforschung kennt zwei Maße für den sozialen Aufstieg. Misst man die absolute soziale Mobilität, so schaut man, wie vielen jungen Menschen es heute besser geht als jeweils ihren Eltern, als diese noch jung waren. Konnten sie bessere Berufe ergreifen, einen höheren Bildungsabschluss erreichen, mehr Geld verdienen?

Weist eine Gesellschaft eine hohe absolute soziale Mobilität auf, dann stehen ihre Mitglieder heute insgesamt besser da, als noch vor einer Generation, weil die Gesellschaft insgesamt reicher geworden ist, weil niedrig qualifizierte Jobs durch anspruchsvollere Berufe ersetzt wurden, weil es eine Expansion im Bildungswesen gab.

Absolute soziale Mobilitätsraten geben jedoch nicht an, wie durchlässig eine Gesellschaft ist. Mag der soziale Fahrstuhl auch insgesamt nach oben gefahren sein, so kann eine Gesellschaft dennoch stark segmentiert sein. Im gesellschaftlichen Gefüge können die Top-Positionen weitgehend von den Sprösslinge aus reichen Elternhäusern besetzt werden, während sich die Kinder von Eltern aus den unteren Schichten ohne Aufstiegsperspektiven wieder genau dort finden. Über die Bewegung zwischen den gesellschaftlichen Schichten gibt die relative soziale Mobilität Auskunft.

Ist also relative soziale Mobilität als Indikator für Chancengerechtigkeit das Maß der Dinge für die Politik? Nicht alleine. Denn es wird darum gehen müssen, beide Formen der Mobilität zu verbinden. Mehr Durchlässigkeit ohne absolute soziale Aufwärtsmobilität läuft auf einen Verdrängungswettbewerb hinaus, bei dem der Aufstieg der Einen, den Abstieg der Anderen bedeutet. Gegen einen solchen Wettbewerb werden sich die zur Wehr setzen, die etwas zu verlieren haben. Für eine Politik für mehr Durchlässigkeit werden Mittel- und Oberschicht nur zu gewinnen sein, wenn mit ihr das glaubhafte Versprechen verbunden ist, dass sie allen zu nutze ist, dass sie den Fahrstuhl für alle nach oben fahren lässt.

Foto: Dennis Wegner (cc by-nc-sa 2.0)

Über dieses Blog

„Durch eigene Anstrengungen in der Gesellschaft voran kommen, ohne durch ethnische, räumliche oder soziale Herkunft gehindert zu werden: Kann es trotz der vielen Blockaden, die heute in der Bildung und bei der Integration Zugewanderter der sozialen Mobilität im Wege stehen, einen solchen „deutschen Traum“ geben? Dieses Blog diskutiert, ob das Ideal einer aufstiegsoffenen Gesellschaft für emanzipatorische Politik taugt."

Studie „Einwanderinnen und Einwanderer in den Räten deutscher Großstädte“

Studie „Kaum Bewegung, viel Ungleichheit“

Die Studie von Reinhard Pollak (WZB) zeigt, in Deutschland schaffen es weniger als 1% aus einem Elternhaus, in dem der Vater ungelernter Arbeiter ist, selbst in eine leitende Angestelltenposition zu gelangen.
Dagegen werden zwei Drittel der Kinder aus einer leitenden Angestelltenfamilie selbst leitende Angestellte.
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Böll.Thema

Die Ausgabe "Sozialer Aufstieg - Strategien gegen die blockierte Gesellschaft" von Boell.thema liefert Analysen, Reportagen und Überlegungen rund um Fragen sozialer Mobilität und das Leitbild der aufstiegsoffenen Gesellschaft.
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