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Glückliche Hessen

12. Juli 2011, Comments (1)

Hessen ist das Land mit dem höchsten Anteil von Einwohnerinnen und Einwohnern ohne deutschen Pass in der Bundesrepublik. Rund 12% der hessischen Bevölkerung besitzt keine deutsche Staatsbürgerschaft. Der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund liegt zwischen Kassel und Darmstadt mit mehr als 24% ebenfalls über dem Bundesdurchschnitt. Hessen ist ein vielfältiges Land, daran haben auch die Kampagnen eines Roland Koch wenig ändern können.

Nun hat das hessische Integrationsministerium die Ergebnisse einer Umfrage zur Wahrnehmung von Zuwanderung und Integration veröffentlicht. Eine repräsentative Stichprobe von 1.000 Personen – mit und ohne Migrationshintergrund – war von TNS Emnid befragt worden.

Die Studie zeichnet ein äußerst positives Bild. So fühlen sich 93% der Hessen fühlen sich in ihrem Bundesland „wohl“, mehr als die Hälfte sogar „sehr wohl“. Unter den Befragten mit Migrationshintergrund sind es immerhin 86%.

Interessant sind die Einschätzungen der Befragten Hessen in Bezug auf die Chancengerechtigkeit in ihrem Land. Zirka die Hälfte der Interviewten mit und ohne Migrationshintergrund glaubt, dass die Chancen auf dem Arbeitsmarkt für Migranten ebenso gut seien wie für Einheimische. Allerdings haben Personen mit Migrationshintergrund deutlich häufiger Zweifel. Immerhin 17% glauben „überhaupt nicht“ an Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt.

Noch positiver fällt die Beurteilung der Chancen auf den Aufstieg durch Bildung aus. Hier zeigt sich einmal mehr der Bildungsoptimismus von Zugewanderten, der bereits in zahlreichen anderen Studien nachgewiesen wurde. Die Befragten mit Migrationshintergrund waren häufiger als diejenigen ohne Migrationshintergrund der Auffassung, dass Zugewanderte die gleichen Bildungschancen haben wie Einheimische.

Foto: Patrick Meier (cc by-nc 2.0)

Grundeinkommen statt Chancengleichheit?

9. Januar 2011, Comments (2)

In einem Essay in der Neuen Rheinischen Zeitung vom 5. Januar stellt Harald Schauff die Ergebnisse der Studie „Spirit Level“ der britischen Forscher Richard Wilkinson und Kate Pickett vor: Gesellschaften die über mehr Einkommensgleichheit verfügen, fahren in vielen Bereichen besser als Gesellschaften, die durch ausgeprägte Ungleichheit gekennzeichnet sind – und zwar selbst dann wenn der Reichtum letzterer insgesamt größer ist (siehe dazu auch den Blogeintrag „Spirit Level„).
Es müsse also darum gehen, so folgert Schauff, die materielle Ungleichheit in Gesellschaften zu verringern und hat dafür eine Lösung parat: das bedingungslose Grundeinkommen. Die Forderung nach mehr Chancengleichheit, wie sie auch von der Heinrich-Böll-Stiftung diskutiert wird, hält er hingegen für reine Ideologie.

Stattdessen debattieren hierzulande etablierte Funktionseliten und Gelehrtenzünfte einschließlich vermeintlich alternativer Denkfabriken wie der „Heinrich-Böll-Stiftung“ von oben herab über die Verbesserung von „Aufstiegsmöglichkeiten“ für Menschen aus den unteren Schichten. Der Zugang zur „Bildung“ soll „Chancengleichheit“ bzw. „Chancengerechtigkeit“ garantieren.

Zurecht kritisiert er, dass Chancengerechtigkeit allzu häufig von denjenigen ins Feld geführt wird, die eine priviligierte Stellung in der Gesellschaft geerbt haben, um sich gegenüber potentiellen Aufsteigern abzuschotten. Aber ist das ein Argument gegen das Leitbild einer aufstiegsoffenen Gesellschaft? Gegen den Anspruch eines und einer jeden, durch eigene Anstrengungen voranzukommen, ohne durch die eigene Herkunft gehindert zu werden? Wer Chancengerechtigkeit als emanzipatorisches Prinzip versteht, weiß, dass es der Unterstüzung Einzelner bedarf, um ungleiche Ausgangsbedingungen auszugleichen und dass die Ungleichheit in der Gesellschaft nicht zu groß werden darf. Wilkinson und Pickett zeigen im Übrigen, dass auch die soziale Durchlässigkeit in egalitären Gesellschaften höher ist, als in disparaten.

Foto: Thomas Roessler (cc-by-nc-sa 2.0)

PISA 2009: Nur ein bisschen mehr Chancengleichheit

7. Dezember 2010, Comments (0)

Die neue PISA Studie ist da. Deutschlands Schülerinnen und Schüler sind etwas besser geworden. Ihr Leistungsniveau liegt nun im Mittelfeld der OECD-Staaten.

Gemessen wurde die Lesekompetenz aber auch die Fertigkeiten in Mathematik und den Naturwissenschaften von 15-jährigen Schülerinnen und Schülern. Interessant ist jedoch nicht alleine das durchschnittliche Kompetenzniveau in den einzelnen Staaten, sondern vor allem auch die Frage, wie stark sich jeweils das Elternhaus auf die Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler in den verschiedenen Schulsystemen auswirkt. Das war der eigentliche Skandal an den Ergebnissen der ersten PISA-Studie im Jahr 2000: Dass in kaum einem Land der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Schulleistungen so groß war wie in Deutschland.

Und wie fallen die Ergebnisse eine Deakde später aus? Die Unterschiede in den Leseleistungen werden in Deutschland immer noch wesentlich durch das Elternhaus und die materiellen Verhältnisse geprägt, aus denen die Schülerinnen und Schüler stammen. Der Zusammenhang ist etwas geringer geworden, fällt aber deutlicher aus als z.B. in Finnland, Island, Japan, Kanada und Korea. Diese Länder bieten nicht nur mehr Chancengleichheit, ihre Resultate sind außerdem insgesamt besser.

Die Autoren des Bildungsberichts resümieren ihre Ergebnisse so:

„Zusammenfassend lässt sich für Deutschland eine positive Entwicklung ablesen. Die sozialen Disparitäten in der Lesekompetenz haben seit PISA 2000 bei den Jugendlichen über die Zeit abgenommen. Allerdings ist der Zusammenhang zwischen dem sozioökonomischen Status des Elternhauses und der von den Jugendlichen erreichten Kompetenz im internationalen Vergleich immer noch hoch ausgeprägt. Die bildungspolitische Aufgabe, eine geringe Kopplung bei hohem Kompetenzniveau zu erreichen, bleibt damit weiterhin bestehen.“
(E. Klieme u.a. (Hg.): PISA 2009 – Bilanz nach einem Jahrzehnt, Waxmann 2010)

Den Gesamtbericht (pdf) gibt es auf der Website des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF).

Foto: Gianluca (cc-by-nd)

Chancengerechtigkeit – immer wieder

19. November 2010, Comments (1)

Nicht der Zufall der eigenen Herkunft soll darüber entscheiden, was man im Leben erreichen kann, sondern individuelle Aspirationen und Anstrengungen. Das ist der Kern der Vorstellung von einer chancengerechten Gesellschaft, die allen die Möglichkeit zum Aufstieg bietet.

Was sich zunächst gut anhört, weil wir doch alle für unsere Bemühungen belohnt werden möchten, ist als gesellschaftliches Leitmotiv höchst umstritten. Und zwar weil es auf dem Leistungsprinzip beruht.

Völlig zu Recht wird vielen Anhängern des Leistungsprinzips vorgehalten, dass sie allzu gerne die strukturell unterschiedlichen Ausgangslagen von Individuen übersehen. Nicht alle Menschen haben die gleichen Startchancen und die Aussichten, etwas zu leisten, das gesellschaftliche Anerkennung erfährt, sind höchst ungleich verteilt.

Will man sich in emanzipatorischer Absicht auf Leistungsorientierung berufen („Leistung statt Herkunft“), dann muss die Unterschiedlichkeit der Ausgangslagen berücksichtigt werden. Klar ist, dass sich vollständige Chancengleichheit nie wird herstellen lassen. Nicht zuletzt können unterschiedliche persönliche Eigenschaften, Neigungen und Talente – zum Glück – nicht einfach angeglichen werden. Ungerecht ist es jedoch, wenn die Unterschiede in den Ausgangsbedingungen, die sich beeinflussen ließen, stärker in den jeweiligen individuellen Lebenschancen niederschlagen, als notwendig. Darin liegt der Skandal der deutschen PISA-Ergebnisse: Dass sich der familiäre Hintergrund in Deutschland stärker auswirkt als in den meisten anderen Ländern.

In einem Beitrag zur Publikation „Transmission 02“ der Vodafone Stiftung Deutschland zeigt Prof. Nils Goldschmidt von der Universität der Bundeswehr in München, dass es um mehr gehen muss, als um gerechte Startchancen. Er schreibt

„Faktisch wird es nie gelingen können, den Wettlauf des Lebens unter gleichen Bedingungen zu starten, und vor allem werden sich im Verlauf des Lebens immer wieder Hindernisse und Umwege zeigen, deren Bewältigung auch die beste Annäherung an eine Startgerechtigkeit nicht a priori sicherstellen kann.“

Er plädiert für einen dynamischen Begriff der „Chancengerechtigkeit“, bei dem es nicht nur um gleiche Startchancen geht. Nötig ist, dass Individuen im Lebensverlauf immer wieder Chancen und auch Unterstützung angeboten werden, die sie in die Lage versetzen an der Gesellschaft teilzuhaben. Beispiel Bildungssystem: Immer wieder muss es zweite Chancen gewähren und Quereinstiege zulassen.

Nachzulesen ist der Artikel auf der Website der Vodafone Stiftung Deutschland. In der kleinen aber feinen Reihe „Transmissionen“ finden sich dort viele interessante Texte zum Thema sozialer Aufstieg.

Foto: Manel, cc-by-nd, 2.0

Über dieses Blog

„Durch eigene Anstrengungen in der Gesellschaft voran kommen, ohne durch ethnische, räumliche oder soziale Herkunft gehindert zu werden: Kann es trotz der vielen Blockaden, die heute in der Bildung und bei der Integration Zugewanderter der sozialen Mobilität im Wege stehen, einen solchen „deutschen Traum“ geben? Dieses Blog diskutiert, ob das Ideal einer aufstiegsoffenen Gesellschaft für emanzipatorische Politik taugt."

Studie „Einwanderinnen und Einwanderer in den Räten deutscher Großstädte“

Studie „Kaum Bewegung, viel Ungleichheit“

Die Studie von Reinhard Pollak (WZB) zeigt, in Deutschland schaffen es weniger als 1% aus einem Elternhaus, in dem der Vater ungelernter Arbeiter ist, selbst in eine leitende Angestelltenposition zu gelangen.
Dagegen werden zwei Drittel der Kinder aus einer leitenden Angestelltenfamilie selbst leitende Angestellte.
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Böll.Thema

Die Ausgabe "Sozialer Aufstieg - Strategien gegen die blockierte Gesellschaft" von Boell.thema liefert Analysen, Reportagen und Überlegungen rund um Fragen sozialer Mobilität und das Leitbild der aufstiegsoffenen Gesellschaft.
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