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FDP: Aufstieg gegen den Abstieg?

6. April 2011, Comments (3)

Philipp Rösler soll neuer Parteivorsitzender der FDP werden und die Partei vor einem weiteren Abrutschen nach den Landtagswahlen von Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz bewahren. Der Gesundheitsminister bildet zusammen mit Generalsekretär Christian Lindner, Gesundheits-Staatssekretär Daniel Bahr, dem Abgeordneten Johannes Vogel und einigen andereren die Nachwuchsgeneration der Liberalen, die für einen neuen, sozialeren Liberalismus eintreten wollen.

Wie der aussehen könnte, haben Rösler und Lindner vor zwei Jahren in dem Sammelband „Freiheit: gefühlt – gedacht – gelebt. Liberale Beiträge zu einer Wertediskussion“ skizziert. Eine Partei erhälte nur dann Zustimmung, schreiben die beiden Herausgeber im Vorwort ihres Buches, „wenn sie mit einer positiven politischen Erzählung verbunden wird, die das Lebensgefühl der Menschen trifft und ihnen Hoffnung auf eine bessere Zukunft macht.“

In der positiven Erzählung der FDP sollten die Begriffe Fairness und Chancengerechtigkeit eine wichtige Rolle spielen. Freiheit sei die Summe von Lebenschancen, schreibt Lindner in seinem Essay „Freiheit und Fairness“. Wie viele Chancen sich dem einzelnen böten, hinge aber nicht alleine vom persönlichen Engagement ab. Entscheidend seien auch Begabungen und die soziale Herkunft, die beide keine „Leistung“ des Einzelnen seien. Daher stelle sich die Aufgabe, die Zufälle der eigenen Geburt abzumildern, um allen Menschen echte Aussichten auf den sozialen Aufstieg zu eröffnen. Wie das gelingen kann, bleibt bei Lindner etwas vage, er deutet aber an, dass die öffentliche Infrastruktur, also u.a. Bildungseinrichtungen eine zentrale Rolle spielen. Mehr Umverteilung dürfe es laut Lindner nicht geben, Deutschland leide ohnehin unter einer „Gleichheitskrankheit“.

Chancengerechtigkeit müsse ins Zentrum des Modernisierungsdiskurses in der FDP gestellt werden, fordert auch der liberale Bundestagsabgeordnete Johannes Vogel, ebenfalls Autor im Buch von Rösler und Lindner. Das Aufstiegsversprechen für all jene, die sich anstrengen, müsse dringend erneuert werden. Die FDP müsse den Kampf „gegen Verkrustungen“ aufnehmen sagte er jüngst in einem Interview mit der Badischen Zeitung.

Das allerdings wäre ein Kurswechsel für die FDP. Denn in den letzten Jahren stand die Partei eher für das Gegenteil. Ihr Slogan „Mehr Brutto vom Netto“ bedeutet eben nicht die Eröffnung von Chancen auf den sozialen Aufstieg für diejenigen, die sich am unteren Rand der Gesellschaft. Es ging vielmehr um die Absicherung von Privilegien der bereits Aufgestiegenen und ihrer Kinder. Der FDP galt Herkunft als Leistung.

Man darf gespannt sein, ob die Öffentlichkeit der FDP beim Thema Chancengerechtigkeit eine solche Wende, sollte sie denn kommen, eher abnehmen würde, als zuletzt den Turn-around in der Atomdebatte. Die besondere Ironie liegt darin, dass die FDP mit der programmatischen Engführung auf Steuersenkungen bei der letzten Bundestagswahl noch durchaus gut gefahren ist.

Foto: Wolfgang P. Vogt (cc by-nc-sa 2.0)

Der Aufstieg, den wir meinen

16. Januar 2011, Comments (0)

Die Sozialforschung kennt zwei Maße für den sozialen Aufstieg. Misst man die absolute soziale Mobilität, so schaut man, wie vielen jungen Menschen es heute besser geht als jeweils ihren Eltern, als diese noch jung waren. Konnten sie bessere Berufe ergreifen, einen höheren Bildungsabschluss erreichen, mehr Geld verdienen?

Weist eine Gesellschaft eine hohe absolute soziale Mobilität auf, dann stehen ihre Mitglieder heute insgesamt besser da, als noch vor einer Generation, weil die Gesellschaft insgesamt reicher geworden ist, weil niedrig qualifizierte Jobs durch anspruchsvollere Berufe ersetzt wurden, weil es eine Expansion im Bildungswesen gab.

Absolute soziale Mobilitätsraten geben jedoch nicht an, wie durchlässig eine Gesellschaft ist. Mag der soziale Fahrstuhl auch insgesamt nach oben gefahren sein, so kann eine Gesellschaft dennoch stark segmentiert sein. Im gesellschaftlichen Gefüge können die Top-Positionen weitgehend von den Sprösslinge aus reichen Elternhäusern besetzt werden, während sich die Kinder von Eltern aus den unteren Schichten ohne Aufstiegsperspektiven wieder genau dort finden. Über die Bewegung zwischen den gesellschaftlichen Schichten gibt die relative soziale Mobilität Auskunft.

Ist also relative soziale Mobilität als Indikator für Chancengerechtigkeit das Maß der Dinge für die Politik? Nicht alleine. Denn es wird darum gehen müssen, beide Formen der Mobilität zu verbinden. Mehr Durchlässigkeit ohne absolute soziale Aufwärtsmobilität läuft auf einen Verdrängungswettbewerb hinaus, bei dem der Aufstieg der Einen, den Abstieg der Anderen bedeutet. Gegen einen solchen Wettbewerb werden sich die zur Wehr setzen, die etwas zu verlieren haben. Für eine Politik für mehr Durchlässigkeit werden Mittel- und Oberschicht nur zu gewinnen sein, wenn mit ihr das glaubhafte Versprechen verbunden ist, dass sie allen zu nutze ist, dass sie den Fahrstuhl für alle nach oben fahren lässt.

Foto: Dennis Wegner (cc by-nc-sa 2.0)

Grundeinkommen statt Chancengleichheit?

9. Januar 2011, Comments (2)

In einem Essay in der Neuen Rheinischen Zeitung vom 5. Januar stellt Harald Schauff die Ergebnisse der Studie „Spirit Level“ der britischen Forscher Richard Wilkinson und Kate Pickett vor: Gesellschaften die über mehr Einkommensgleichheit verfügen, fahren in vielen Bereichen besser als Gesellschaften, die durch ausgeprägte Ungleichheit gekennzeichnet sind – und zwar selbst dann wenn der Reichtum letzterer insgesamt größer ist (siehe dazu auch den Blogeintrag „Spirit Level„).
Es müsse also darum gehen, so folgert Schauff, die materielle Ungleichheit in Gesellschaften zu verringern und hat dafür eine Lösung parat: das bedingungslose Grundeinkommen. Die Forderung nach mehr Chancengleichheit, wie sie auch von der Heinrich-Böll-Stiftung diskutiert wird, hält er hingegen für reine Ideologie.

Stattdessen debattieren hierzulande etablierte Funktionseliten und Gelehrtenzünfte einschließlich vermeintlich alternativer Denkfabriken wie der „Heinrich-Böll-Stiftung“ von oben herab über die Verbesserung von „Aufstiegsmöglichkeiten“ für Menschen aus den unteren Schichten. Der Zugang zur „Bildung“ soll „Chancengleichheit“ bzw. „Chancengerechtigkeit“ garantieren.

Zurecht kritisiert er, dass Chancengerechtigkeit allzu häufig von denjenigen ins Feld geführt wird, die eine priviligierte Stellung in der Gesellschaft geerbt haben, um sich gegenüber potentiellen Aufsteigern abzuschotten. Aber ist das ein Argument gegen das Leitbild einer aufstiegsoffenen Gesellschaft? Gegen den Anspruch eines und einer jeden, durch eigene Anstrengungen voranzukommen, ohne durch die eigene Herkunft gehindert zu werden? Wer Chancengerechtigkeit als emanzipatorisches Prinzip versteht, weiß, dass es der Unterstüzung Einzelner bedarf, um ungleiche Ausgangsbedingungen auszugleichen und dass die Ungleichheit in der Gesellschaft nicht zu groß werden darf. Wilkinson und Pickett zeigen im Übrigen, dass auch die soziale Durchlässigkeit in egalitären Gesellschaften höher ist, als in disparaten.

Foto: Thomas Roessler (cc-by-nc-sa 2.0)

PISA 2009: Nur ein bisschen mehr Chancengleichheit

7. Dezember 2010, Comments (0)

Die neue PISA Studie ist da. Deutschlands Schülerinnen und Schüler sind etwas besser geworden. Ihr Leistungsniveau liegt nun im Mittelfeld der OECD-Staaten.

Gemessen wurde die Lesekompetenz aber auch die Fertigkeiten in Mathematik und den Naturwissenschaften von 15-jährigen Schülerinnen und Schülern. Interessant ist jedoch nicht alleine das durchschnittliche Kompetenzniveau in den einzelnen Staaten, sondern vor allem auch die Frage, wie stark sich jeweils das Elternhaus auf die Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler in den verschiedenen Schulsystemen auswirkt. Das war der eigentliche Skandal an den Ergebnissen der ersten PISA-Studie im Jahr 2000: Dass in kaum einem Land der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Schulleistungen so groß war wie in Deutschland.

Und wie fallen die Ergebnisse eine Deakde später aus? Die Unterschiede in den Leseleistungen werden in Deutschland immer noch wesentlich durch das Elternhaus und die materiellen Verhältnisse geprägt, aus denen die Schülerinnen und Schüler stammen. Der Zusammenhang ist etwas geringer geworden, fällt aber deutlicher aus als z.B. in Finnland, Island, Japan, Kanada und Korea. Diese Länder bieten nicht nur mehr Chancengleichheit, ihre Resultate sind außerdem insgesamt besser.

Die Autoren des Bildungsberichts resümieren ihre Ergebnisse so:

„Zusammenfassend lässt sich für Deutschland eine positive Entwicklung ablesen. Die sozialen Disparitäten in der Lesekompetenz haben seit PISA 2000 bei den Jugendlichen über die Zeit abgenommen. Allerdings ist der Zusammenhang zwischen dem sozioökonomischen Status des Elternhauses und der von den Jugendlichen erreichten Kompetenz im internationalen Vergleich immer noch hoch ausgeprägt. Die bildungspolitische Aufgabe, eine geringe Kopplung bei hohem Kompetenzniveau zu erreichen, bleibt damit weiterhin bestehen.“
(E. Klieme u.a. (Hg.): PISA 2009 – Bilanz nach einem Jahrzehnt, Waxmann 2010)

Den Gesamtbericht (pdf) gibt es auf der Website des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF).

Foto: Gianluca (cc-by-nd)

Chancengerechtigkeit – immer wieder

19. November 2010, Comments (1)

Nicht der Zufall der eigenen Herkunft soll darüber entscheiden, was man im Leben erreichen kann, sondern individuelle Aspirationen und Anstrengungen. Das ist der Kern der Vorstellung von einer chancengerechten Gesellschaft, die allen die Möglichkeit zum Aufstieg bietet.

Was sich zunächst gut anhört, weil wir doch alle für unsere Bemühungen belohnt werden möchten, ist als gesellschaftliches Leitmotiv höchst umstritten. Und zwar weil es auf dem Leistungsprinzip beruht.

Völlig zu Recht wird vielen Anhängern des Leistungsprinzips vorgehalten, dass sie allzu gerne die strukturell unterschiedlichen Ausgangslagen von Individuen übersehen. Nicht alle Menschen haben die gleichen Startchancen und die Aussichten, etwas zu leisten, das gesellschaftliche Anerkennung erfährt, sind höchst ungleich verteilt.

Will man sich in emanzipatorischer Absicht auf Leistungsorientierung berufen („Leistung statt Herkunft“), dann muss die Unterschiedlichkeit der Ausgangslagen berücksichtigt werden. Klar ist, dass sich vollständige Chancengleichheit nie wird herstellen lassen. Nicht zuletzt können unterschiedliche persönliche Eigenschaften, Neigungen und Talente – zum Glück – nicht einfach angeglichen werden. Ungerecht ist es jedoch, wenn die Unterschiede in den Ausgangsbedingungen, die sich beeinflussen ließen, stärker in den jeweiligen individuellen Lebenschancen niederschlagen, als notwendig. Darin liegt der Skandal der deutschen PISA-Ergebnisse: Dass sich der familiäre Hintergrund in Deutschland stärker auswirkt als in den meisten anderen Ländern.

In einem Beitrag zur Publikation „Transmission 02“ der Vodafone Stiftung Deutschland zeigt Prof. Nils Goldschmidt von der Universität der Bundeswehr in München, dass es um mehr gehen muss, als um gerechte Startchancen. Er schreibt

„Faktisch wird es nie gelingen können, den Wettlauf des Lebens unter gleichen Bedingungen zu starten, und vor allem werden sich im Verlauf des Lebens immer wieder Hindernisse und Umwege zeigen, deren Bewältigung auch die beste Annäherung an eine Startgerechtigkeit nicht a priori sicherstellen kann.“

Er plädiert für einen dynamischen Begriff der „Chancengerechtigkeit“, bei dem es nicht nur um gleiche Startchancen geht. Nötig ist, dass Individuen im Lebensverlauf immer wieder Chancen und auch Unterstützung angeboten werden, die sie in die Lage versetzen an der Gesellschaft teilzuhaben. Beispiel Bildungssystem: Immer wieder muss es zweite Chancen gewähren und Quereinstiege zulassen.

Nachzulesen ist der Artikel auf der Website der Vodafone Stiftung Deutschland. In der kleinen aber feinen Reihe „Transmissionen“ finden sich dort viele interessante Texte zum Thema sozialer Aufstieg.

Foto: Manel, cc-by-nd, 2.0

Über dieses Blog

„Durch eigene Anstrengungen in der Gesellschaft voran kommen, ohne durch ethnische, räumliche oder soziale Herkunft gehindert zu werden: Kann es trotz der vielen Blockaden, die heute in der Bildung und bei der Integration Zugewanderter der sozialen Mobilität im Wege stehen, einen solchen „deutschen Traum“ geben? Dieses Blog diskutiert, ob das Ideal einer aufstiegsoffenen Gesellschaft für emanzipatorische Politik taugt."

Studie „Einwanderinnen und Einwanderer in den Räten deutscher Großstädte“

Studie „Kaum Bewegung, viel Ungleichheit“

Die Studie von Reinhard Pollak (WZB) zeigt, in Deutschland schaffen es weniger als 1% aus einem Elternhaus, in dem der Vater ungelernter Arbeiter ist, selbst in eine leitende Angestelltenposition zu gelangen.
Dagegen werden zwei Drittel der Kinder aus einer leitenden Angestelltenfamilie selbst leitende Angestellte.
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Böll.Thema

Die Ausgabe "Sozialer Aufstieg - Strategien gegen die blockierte Gesellschaft" von Boell.thema liefert Analysen, Reportagen und Überlegungen rund um Fragen sozialer Mobilität und das Leitbild der aufstiegsoffenen Gesellschaft.
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