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Karriereleiter rauf, Blutdruck runter

22. Juli 2011, Comments (0)

Was soziale Mobilität alles bewirken kann! Laut einer neuen Studie schwedischer Forscherinnen und Forscher hält der gesellschaftliche Aufstieg gesundheitlich fit und senkt den Blutdruck.

Für die Untersuchung, deren Ergebnisse vor einigen Tagen im Journal of Epidemiology & Community Health erschienen sind, hatte das Forscherteam des Stockholmer Karolinska Instituts die Ergebnisse einer Umfrage ausgewertet, bei der 12.000 Zwillingspaare über deren Gesundheit, Lebens- und Familienverhältnisse befragt worden waren.

Wenig überraschend zeigte sich, dass Befragte, die einer Familie mit niedrigem sozialen Status entstammen, häufiger unter Bluthochdruck leiden als diejenigen, die das Glück haben, aus einer bessergestellten Familie zu kommen. Der Vergleich von Zwillingspaaren zeigte darüber hinaus aber auch, dass diejenigen, die im Lebenslauf ihren sozialen Status verbessern, ihr Blutdruckrisiko vermindern können.

„…the risk of hypertension associated with low parental social status can be modified by social status later in life.“

Über die Gründe kann man spekulieren: Bessere Bildung, größeres Gesundheitsbewusstsein, bessere ärztliche Versorgung, gesündere Ernährung, höhere Lebenszufriedenheit. Die Formel „Aufstieg = mehr Stress = höherer Blutdruck“ jedenfalls scheint nicht zu stimmen. Eher muss es wohl heißen „Sozialer Aufstieg nutzt ihrer Gesundheit“.

Foto: joey.parsons (cc by-nd 2.0)

Aufsteigerin des Monats: Oprah Winfrey

1. Juni 2011, Comments (0)

Aufsteigerin des Monats Mai ist Oprah Winfrey. Nach 25 Jahren täglicher Präsenz lief am 25. Mai die letzte Sendung der Show der amerikanischen Entertainerin im US-Fernsehen.

Bereits in den letzten Sendungen hatten sich die Superstars die Klinke in die Hand gegeben, um die 57-jährige Oprah in den Bühnen-Ruhestand zu verabschieden: Beyonce, Aretha Franklin, Barbra Streisand, Madonna, Stevie Wonder und Usher waren da, John Travolta, Tom Hanks, Halle Berry, Jamie Foxx, Will Smith, Tom Cruise und Michael Jordan. Alle huldigten der Talkqueen, die vom Time Magazine wiederholt zur mächtigsten Frau Amerikas, wenn nicht gleich der Welt erkoren worden war.

Ein Vierteljahrhundert lang gewährte die Oprah Winfrey Show Einblicke in das Leben und die Abgründe der „every day people“ genauso wie der ganz großen Stars. Und sie bot praktische Ratschläge für alle Lebensbereiche. Die Grundbotschaft war stets die denkbar amerikanischste: Nach jedem Rückschlag, so riet Oprah ihren Zuschauern, heißt es, das Leben mit Gottvertrauen in die Hand zu nehmen und daran zu arbeiten, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Diesen American Dream verkörperte Oprah selbst. Im Jahr 1954, zu Zeiten der Rassentrennung in Mississippi in armen Verhältnissen geboren, von einem Familienmitglied missbraucht, gelang ihr der unwahrscheinliche Aufstieg in den Olymp des US-Entertainments, der sie zur Milliardärin machte.

Die mediale Präsenz von Oprah Winfrey dürfte einer der Gründe sein, warum der amerikanische Traum von „rags to riches“ in den USA weiter so lebendig ist, obwohl die tatsächlichen Chancen auf den sozialen Aufstieg in den USA im internationalen Vergleich eher gering sind und zwar vor allem auch, weil die Perspektiven der afroamerikanischen Bevölkerung noch immer schlecht sind.

It’s who you know …

16. Mai 2011, Comments (1)

Für den internationalen Kongress der Sozialdemokratie „Progressive Governance Conference„, der am 12. und 13. Mai 2011 in Oslo stattfand, hat der britische Thinktank Policy Network letzte Woche in London die Ergebnisse einer länderübergreifenden Befragung zu wichtigen Herausforderungen sozialdemokratischer Politik veröffentlicht. Jeweils rund 1.000 Bürger aus Deutschland, dem Vereinigten Königreich, den USA und Schweden waren unter anderem nach Ihren Einschätzungen zu den sozialen Aufstiegschancen in Ihrem Land interviewt worden.

„The survey reveals the sheer extent of pessimism about the reality of equal opportunity“, fassen die Autoren die Umfrageergebnisse zusammen. In Deutschland sind 54% der Befragten der Meinung, dass es, um im Leben voranzukommen, eher darauf ankommt, wen man kennt („who you know“), als auf harte, ehrliche Arbeit („hard work and playing by the rules“). Zum Vergleich: In den USA teilen 46%, im Vereinigten Königreich 62% und in Schweden 56% der Befragten diese Auffassung.

Besonders überraschend sind die Ergebnisse nicht, denn eigene Anstrengungen und die Frage, wen man kennt, spielen ganz sicher beide eine Rolle für den sozialen Aufstieg (vor allem, wenn man bei letzterem die Eltern einbezieht, also die soziale Herkunft meint). Interessant sind eher schon die Unterschiede zwischen den Ländern und der hohe Bildungspessimismus, den das Policy Network gemessen hat. So glauben 67% der befragten Deutschen, dass ein Hochschulstudium nicht die Karriereerwartungen zu erfüllen vermag, die es weckt. Nur die Schweden sind deutlich optimistischer. Der gleichen Aussage stimmen dort nur 28% der Befragten zu.

Foto: TypeFiend (cc by-nc-sa 2.0)

Wie chancengerecht ist Deutschland?

2. Mai 2011, Comments (0)

„Wie gerecht ist Deutschland“ fragt ZEIT online in einer aktuellen Serie und stellt in der Ausgabe vom 27.4. fest, dass die Bundesrepublik in Hinblick auf die Chancengerechtigkeit gar nicht so schlecht dasteht, wie man meinen könnte.

Die ZEIT beruft sich auf Zahlen der OECD, die zeigen, dass das Einkommen der jüngeren Generation in Deutschland nicht so stark von dem ihrer Eltern abhängt, wie es zum Beispiel in den USA der Fall ist. Insgesamt befindet sich Deutschland international im Mittelfeld, wenn es um die Vererbung von Einkommensvorteilen von Eltern auf ihre Kinder geht.

Zu Recht weist die ZEIT darauf hin, dass das Einkommen jedoch nur ein Indikator ist, um Chancengerechtigkeit zu messen und zitiert die Studie „Kaum Bewegung, viel Ungleichheit„, die der Soziologie Reinhard Pollak (WZB) für die Heinrich-Böll-Stiftung durchgeführt hat. Dort wird nach den Chancen gefragt, bestimmte gesellschaftliche Positionen zu erreichen. Und es zeigt sich, dass insbesondere diejenigen geringe Aussichten auf den gesellchaftlichen Aufstieg haben, deren Eltern aus niedrigen Klassenpositionen stammen.

Die „Beharrungskräfte am unteren und oberen Rand“ der Gesellschaft seien das große Problem, meint die ZEIT. Diejenigen die unten sind, schaffen es kaum auf der gesellschaftlichen Leiter nach oben zu kommen, die am oberen Rand müssen schon viel falsch machen, um abzusteigen.

„Deutschland könnte weit mehr tun, um für die Chancengleichheit zu sorgen“, resümiert die ZEIT, lässt aber offen, was getan werden sollte.

Dabei gibt es interessante Vorschläge. So hat zuletzt der von Jürgen Baumert geleitete Expertenrat „Herkunft und Bildungserfolg“ in Baden-Württemberg Politikempfehlungen erarbeitet. Bildung ist unbestritten der Schlüssel für Aufstiegschancen. Der Rat fordert eine klare Prioritätensetzung in der Bildungspolitik. Mittel sollten vor allem für die Förderung von Jugendlichen ausgegeben werden, die sich in besonderen „Risikolagen“ befinden. Ähnliches hatte bereits zuvor die Schulkommission der Heinrich-Böll-Stiftung in der Empfehlung „Bildungsgerechtigkeit im Lebenslauf“ vorgeschlagen.

PS: Ein Veranstaltungshinweis zum Thema: Am 4. Mai stellt Reinhard Pollak die Studie „Kaum Bewegung, viel Ungleichheit“ im Rahmen der Vorlesungsreihe GERECHT im kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden vor. Beginn ist um 18 Uhr.

Foto: Lars Hilscher (cc by-nc-sa 2.0)

FDP: Aufstieg gegen den Abstieg?

6. April 2011, Comments (3)

Philipp Rösler soll neuer Parteivorsitzender der FDP werden und die Partei vor einem weiteren Abrutschen nach den Landtagswahlen von Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz bewahren. Der Gesundheitsminister bildet zusammen mit Generalsekretär Christian Lindner, Gesundheits-Staatssekretär Daniel Bahr, dem Abgeordneten Johannes Vogel und einigen andereren die Nachwuchsgeneration der Liberalen, die für einen neuen, sozialeren Liberalismus eintreten wollen.

Wie der aussehen könnte, haben Rösler und Lindner vor zwei Jahren in dem Sammelband „Freiheit: gefühlt – gedacht – gelebt. Liberale Beiträge zu einer Wertediskussion“ skizziert. Eine Partei erhälte nur dann Zustimmung, schreiben die beiden Herausgeber im Vorwort ihres Buches, „wenn sie mit einer positiven politischen Erzählung verbunden wird, die das Lebensgefühl der Menschen trifft und ihnen Hoffnung auf eine bessere Zukunft macht.“

In der positiven Erzählung der FDP sollten die Begriffe Fairness und Chancengerechtigkeit eine wichtige Rolle spielen. Freiheit sei die Summe von Lebenschancen, schreibt Lindner in seinem Essay „Freiheit und Fairness“. Wie viele Chancen sich dem einzelnen böten, hinge aber nicht alleine vom persönlichen Engagement ab. Entscheidend seien auch Begabungen und die soziale Herkunft, die beide keine „Leistung“ des Einzelnen seien. Daher stelle sich die Aufgabe, die Zufälle der eigenen Geburt abzumildern, um allen Menschen echte Aussichten auf den sozialen Aufstieg zu eröffnen. Wie das gelingen kann, bleibt bei Lindner etwas vage, er deutet aber an, dass die öffentliche Infrastruktur, also u.a. Bildungseinrichtungen eine zentrale Rolle spielen. Mehr Umverteilung dürfe es laut Lindner nicht geben, Deutschland leide ohnehin unter einer „Gleichheitskrankheit“.

Chancengerechtigkeit müsse ins Zentrum des Modernisierungsdiskurses in der FDP gestellt werden, fordert auch der liberale Bundestagsabgeordnete Johannes Vogel, ebenfalls Autor im Buch von Rösler und Lindner. Das Aufstiegsversprechen für all jene, die sich anstrengen, müsse dringend erneuert werden. Die FDP müsse den Kampf „gegen Verkrustungen“ aufnehmen sagte er jüngst in einem Interview mit der Badischen Zeitung.

Das allerdings wäre ein Kurswechsel für die FDP. Denn in den letzten Jahren stand die Partei eher für das Gegenteil. Ihr Slogan „Mehr Brutto vom Netto“ bedeutet eben nicht die Eröffnung von Chancen auf den sozialen Aufstieg für diejenigen, die sich am unteren Rand der Gesellschaft. Es ging vielmehr um die Absicherung von Privilegien der bereits Aufgestiegenen und ihrer Kinder. Der FDP galt Herkunft als Leistung.

Man darf gespannt sein, ob die Öffentlichkeit der FDP beim Thema Chancengerechtigkeit eine solche Wende, sollte sie denn kommen, eher abnehmen würde, als zuletzt den Turn-around in der Atomdebatte. Die besondere Ironie liegt darin, dass die FDP mit der programmatischen Engführung auf Steuersenkungen bei der letzten Bundestagswahl noch durchaus gut gefahren ist.

Foto: Wolfgang P. Vogt (cc by-nc-sa 2.0)

Rechte für den Bildungsaufstieg

24. März 2011, Comments (1)

Eine neue Studie aus dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung zeigt, dass der rechtliche Status von Migrantenkindern Einfluss auf deren Bildungschancen hat. Die Autorin Janina Söhn stellt darin fest, dass vor allem Kinder von Aussiedlern von gezielter Sprachförderung und Unterstützungsleistungen für ihre Familien profitierten. Aussiedler leiden nicht zuletzt deswegen viel seltener unter Bildungsarmut als Gleichaltrige, die als Ausländer in die Bundesrepublik kamen.  Besonders gefährdet seien hingegen die Bildungschancen von Kindern von Asylsuchenden und Geduldeten.

Söhn fordert, dass Bildungsreformen vor allem Kinder aus Zuwanderfamilien in den Blick nehmen sollten. Hier könnten die größten Fortschritte erzielt werden, wenn es um die Entkopplung von Bildungserfolg und sozialer Herkunft geht.

Die Förderung der Aussiedler hält Söhn für vorbildlich.

„die rechtliche Gleichstellung mit einheimischen Deutschen und die damit verbundene sichere Bleibeperspektive, gezielte Sprachförderung und ein besserer Zugang zum Arbeitsmarkt, trugen dazu bei, dass diese Migrantengruppe im Vergleich zu anderen Einwanderern erfolgreicher war.“

Von der Einführung von Integrationskursen und der Reform des Staatsangehörigkeitsgesetzes im Jahr 2000 hätten  in der Folge auch andere Migrantengruppen profitiert. Ausgenommen blieben aber weiterhin Kinder von Asylsuchenden und Geduldeten.

„Um die Bildungschancen dieser Kinder nicht nachhaltig zu gefährden, sollten diese Familien möglichst kurz einer unsicheren rechtlichen Situation ausgesetzt sein. Zudem gilt es, auf Bundeslandsebene die Schulpflicht auf alle Kinder unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus auszudehnen und so den Zugang zu Schulen als Menschenrecht zu garantieren.“

Foto: Thilo Waasem (cc by-nc-sa 2.0)

Frust trotz Bildungsaufstieg

17. März 2011, Comments (0)

Am heutigen Donnerstag werden in der Heinrich-Böll-Stiftung die Ergebnisse der internationalen Integrationsstudie MIPEX vorgestellt, die von der Migration Policy Group und vom British Council durchgeführt wurde. MIPEX steht für „Migrant Integration Policy Index“ und vergleicht die Integrationspolitik von 31 Ländern in Bereichen wie Arbeitsmarktmobilität, Familienzusammenführung und Bildung.

Zu Beginn der Veranstaltung sprach Professor Han Entzinger von der Erasmus Universität Rotterdam über Aufstiegsaspirationen von Migranten und über strukturelle Barrieren, denen sie sich oft gegenüber sehen.

Barrieren gegen den sozialen Aufstieg von Migranten gibt es laut Entzinger viele. So würden Migranten in besonderem Maße von konjunkturellen Schwankungen auf dem Arbeitsmarkt getroffen. Aber auch rechtliche Regelungen (z.B. Einwanderungsgesetze), soziale Segmentierung, Rassismus und strukturelle Diskriminierungen können den Aufstieg und damit die erfolgreiche Integration von Migranten behindern.

Dennoch gelingt vielen Migranten, oft in der zweiten oder dritten Generation, der soziale Aufstieg. Nicht zuletzt liege das an den hohen Aufstiegsaspirationen, die viele Migrantinnen und Migranten haben. So habe es in den letzten Jahren gemessen in fast allen Einwanderungsstaaten erhebliche Aufstiege und eine zunehmend erfolgreiche Integration von Einwanderern gegeben. Das könne man an einer ganzen Reihe von Indikatoren ablesen, besonders auffällig sei die positive Entwicklung allerdings im Bildungssystem.

Erstaunlich sei aber, dass diese Fortschritte kaum wahrgenommen würden – und zwar weder von der heimischen Bevölkerung, noch von Einwanderern selbst. Vorherrschend sei ein Defizitdiskurs. Das liege daran, dass parallel zu den Fortschritten bei der Integration auch die Ansprüche wachsen, die an Migranten gestellt werden.

Seit einiger Zeit sei in den Einwanderungsländern ein Trend zu beobachten, die Ansprüche an Einwanderer anzuheben und außerdem ganz neue Anforderungen zu stellen. Ging es früher in erster Linie um Partizipation am Arbeitsmarkt, müssten Migranten heute auch kulturelle Assimilation und Loyalität gegenüber der neuen Heimat nachweisen. Vor allem bei den gut ausgebildeten Migranten der zweiten und dritten Generation würde es zunehmend zu Frustrationen führen, dass sie trotz Bildungsaufstieg mit größeren Schwierigkeiten zu kämpfen haben, einen guten Job zu finden, als junge Menschen ohne Migrationshintergrund und dass sie zudem um ihre gesellschaftliche Akzeptanz kämpfen müssen.

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Foto: Michael Thurm (cc by-nc-sa 2.0)

Aufsteiger Aussteiger des Monats: Thomas Gottschalk

25. Februar 2011, Comments (0)

Aufsteiger Aussteiger des Monats Februar ist Thomas Gottschalk. Der 60-jährige Entertainer hat in der letzten „Wetten, dass?“-Sendung bekannt gegeben, am Ende des Jahres als Moderator der ZDF-Show zurücktreten zu wollen. Fast ein Vierteljahrhundert war Gottschalk das Gesicht des Flaggschiffs der deutschen Fernsehunterhaltung.

Das Ausscheiden Gottschalks hängt zusammen mit dem Unfall des Wettkandidaten Samuel Koch. Am 4. Dezember war dieser in der Show beim Versuch fahrende Autos zu überspringen schwer gestürzt und wird aller Voraussicht nach dauerhaft gelähmt bleiben.

In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom 13.2. begründet Gottschalk sein Ausscheiden damit, dass es sich bei Samuel Koch um einen Wettkandidaten gehandelt habe, der ganz anders gewesen sei, als frühere Mitspieler. Hier deute sich ein Trend an, den der Showmaster wohl nicht mitgehen will.

„Ich habe damals am Freitagabend vor der Sendung in Düsseldorf einen jungen Mann getroffen, der mit einer solchen Inbrunst daran geglaubt hat, dass sich mit seinem Auftritt bei mir sein Leben dramatisch verändern wird. Ich habe etwas von diesem Castingwahn gespürt, der ja bei vielen jungen Leuten um sich greift. Samuel war sich sicher, dass er mit seiner Performance vom Samstag am Montag einen Karrieresprung machen würde.“

War es den Wettkandidaten in der Vergangenheit noch bewusst, dass Sie für das Zerreißen von Telefonbüchern, Aufblasen von Kondomen oder Umpusten von VW-Bussen nicht viel mehr zu erwarten hatten als die berühmten fünfzehn Minuten Ruhm, geht es bei den neuen Castingsshows vermeintlich um mehr. Die Macher von „Deutschland sucht den Superstar“ oder „Germany’s next Topmodel“ versprechen ihren meist jungen Kandidaten Instant-Berühmtheit und die große Karriere. Statt des Aufstiegs step-by-step verheißen die Shows den schnellen Aufstieg durch (Bühnen-)Performance. Nicht zuletzt sprechen sie diejenigen an, die für sich persönlich nur wenig von den klassischen Aufstiegsmodellen Bildung und Anstrengungen im Beruf erhoffen.

Gerade auch die Jugendlichen, die in der Schule vermeintlich wenig Einsatz zeigen, bzw. von denen die Schule kaum mehr etwas erwartet, akzeptieren dabei klaglos die hohen Leistungserwartungen der Shows und stellen sich den harten Auslesemechanismen. Sie sind bereit hohe Risiken einzugehen: Demütigungen vor einem Millionenpublikum oder die Gefährdung der eigenen Gesundheit. Schade, dass das Bildungssystem nicht in der Lage zu sein scheint, diesen Leistungswillen produktiver zu nutzen.

Foto: SpreePiX – Berlin (cc by-nc-nd 2.0)

Bildungsgerechtigkeit – eine große Illusion?

21. Februar 2011, Comments (1)

Weniger als ein Prozent der Bevölkerung schafft den Aufstieg von ganz unten in der Gesellschaft nach ganz oben. Dagegen gelingt es über zwei Dritteln aller Kinder, deren Eltern leitende Angestellte sind, selbst wieder eine ähnliche Position zu ergattern (siehe die Studie „Kaum Bewegung, viel Ungleichheit“ von Reinhard Pollak).

Geht es darum, diese Ungerechtigkeit zu beseitigen, fällt der Blick zuallererst auf das Bildungssystem. Kann es helfen, den Zufall der eigenen sozialen Herkunft auszugleichen und allen Kindern die gleichen Entwicklungschancen zu gewähren? Auf Einladung der Vodafone-Stiftung diskutierten vor einigen Tagen renommierte Bildungsforscher über genau diese Frage. In der FAZ hat Heike Schmoll über die Tagung berichtet und gibt eine ernüchternde Antwort. Sie schreibt

„Durch das Bildungswesen soziale Unterschiede beseitigen zu wollen ist eine Illusion.“ („Soziale Unterschiede bleiben“, FAZ, 9.2.2011)

Schmoll verweist dabei unter anderem auf den Züricher Bildungsforscher Helmut Fend, der in einer Längsschnittstudie (LifE) zeigen konnte, dass Schule Herkunftseffekte zwar zeitweilig abmildern könne, dass diese aber im späteren Lebensverlauf wieder zum Tragen kommen.

Was folgt daraus? Muss man die Vorstellung von Chancengerechtigkeit komplett aufgeben? Wohl kaum. Schon Fend weist darauf hin, dass Schule immer beides ist: Eine Institution zur Reproduktion sozialer Ungleichheit und zugleich Instanz für sozialen Aufstieg für Kinder aus bildungsferneren Schichten.

Das Bildungssystem ist überfordert, wenn es soziale Unterschiede vollständig beseitigen soll. Es muss aber darum gehen, die Unterschiede nicht weiter zu verstärken – sie wo immer möglich sogar abzumildern. Dazu bedarf es der besonderen Förderung benachteiligter Kinder und eine Durchlässigkeit des Bildungssystems, das immer wieder Anschlussmöglichkeiten für den Aufstieg bieten muss. Dabei geht es in der Regel nicht um den kometenhaften Aufstieg von Kindern ungelernter Arbeiter, die am Ende auf der Universität landen. So schön diese Erfolgsgeschichten auch sind, entscheidend ist die Förderung „kurzer“ Aufstiege – und zwar gerade für diejenigen, die bedroht sind, abgehängt zu werden.

Ca. 20 Prozent aller Schülerinnen und Schüler verlassen heute in Deutschland mit so geringen Kompetenzen die Schule, dass sie zu einer selbständigen Teilhabe an der Gesellschaft nur eingeschränkt in der Lage sind. In erster Linie muss diese Bildungsarmut beseitigt werden. Dazu hat die die Schulkommission der Heinrich-Böll-Stiftung vor einiger Zeit Empfehlungen erarbeitet. Unter anderem fordert sie, dass Schulen verpflichtet werden müssen, keine Schülerinnen und Schüler ohne Basiskompetenzen mehr zu entlassen. Eine Bringschuld für die Schulen, die den Einsatz enormer Ressourcen bedeutet. Wird diese Investition aber unterlassen, wird es noch teurer.

Foto: Andreas Demmelbauer (cc by-sa 2.0)

Brauchen wir die Mittelschicht noch?

23. Januar 2011, Comments (2)

Eine der prägensten Selbstbeschreibungen der Bundesrepublik in der Nachkriegszeit lautete so: Deutschlands Sozialstruktur ähnelt einer Zwiebel, wenige Reiche oben, wenige Arme unten. In der Mitte ein ausladender Bauch: Die Mittelschicht. Deutschland sei eine nivellierte Mittelstandsgesellschaft, diese Diagnose des Soziologen Helmut Schelsky aus den 50er Jahren prägte lange die Debatte.

Heute herrscht viel Verwirrung um die Mitte der Gesellschaft. Worüber man genau spricht, wenn man Mittelschicht sagt, ist nicht mehr eindeutig. Unklar ist, wie viele Bürger der gesellschaftlichen Mitte überhaupt angehören. Sind es in letzter Zeit mehr geworden oder eher weniger? Die gesellschaftliche Mitte ist gar so wenig greifbar, dass Elisabeth Niejahr in der Ausgabe der ZEIT vom 20. Januar bedauert, dass der beste Titel für eine Publikation über die Mittelschicht bereits vergeben ist: an den Bestseller „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“ von Richard David Precht.

Mit einer neuen Studie dürfte das Roman-Herzog-Institut die Verwirrung um die Situation der Mittelschicht noch weiter steigern. Wissenschaftler des IW Köln haben in seinem Auftrag vermeintliche „Mythen über die Mittelschicht“ aufgedeckt.

Die Autorinnen und der Autor haben einige Daten zusammengetragen, die von den Befunden anderer Forschungsarbeiten der letzten Zeit abweichen: Der Mittelschicht gehe es eigentlich sehr gut, so lässt sich die neue Studie kurz zusammenfassen. Entgegen anderslautender Meldungen, die zuletzt aus dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung zu hören waren, sei die Mittelschicht nicht geschrumpft. Auch habe sich die Einkommensschere zwischen Arm und Reich nicht weiter geöffnet. Genau das hatte jedoch jüngst die Bertelsmann Stiftung diagnostiziert.

Ein großer Teil der Verwirrung mag darauf zurückzuführen sein, dass in den Studien nicht immer das gleiche gemessen wird. So macht es einen Unterschied wie die Mittelschicht definiert wird. Zieht man das Haushaltseinkommen heran, wie es u.a. das IW Köln getan hat, oder legt man berufliche Positionen, Bildungsabschlüsse oder subjektive Selbsteinschätzung von Bürgern zurgrunde? Je nach Herangehensweise kommt man zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen. Untersucht man das regelmäßige Einkommen von Haushalten oder bezieht man auch andere Einkünfte ein, oder auch das Vermögen, über das Haushalte verfügen?

Noch interessanter als die Unterschiede in den Zahlen sind die Schlussfolgerungen, die jeweils aus den empirischen Daten gezogen werden. Autor und Autorinnen der Studie des IW Köln kommen zu einem recht verblüffenden Schluss wenn sie schreiben:

Eine stabile Gesellschaft mit sozialem Frieden ist nicht auf eine große Mittelschicht angewiesen, sondern kann auch über Mobilitätschancen gewährleistet werden. (Enste, Erdmann, Kleineberg: Mythen über die Mittelschicht, Roman Herzog Institut 2011 S. 15)

Daraus leiten sie für die Politik die Empfehlung ab, weniger auf Umverteilung als auf eine Erhöhung der sozialen Mobilität zu setzen. Eine breite Mittelschicht wird gleichgesetzt mit einer homogenen Gesellschaft, die nur wenige Anreize zum individuellen Aufstieg durch eigene Anstrengungen setzt.

Damit dürfte die wichtige Rolle, die die Mittelschicht als gesellschaftlicher Orientierungsrahmen und Stabilitätsanker spielt, völlig unterschätzt werden. Unklar bleibt, worauf sich Aufstiegsaspirationen beziehen sollen, wenn nicht auf den Sehnsuchtsort Mittelschicht – über den übrigens am 7.2. in der Reihe „Was ist der deutsche Traum? Bildung – Integration – Aufstieg“ in der Heinrich-Böll-Stiftung diskutiert werden wird (mehr Infos hier).

Foto: Thomas Kohler (cc by-sa 2.0)

Über dieses Blog

„Durch eigene Anstrengungen in der Gesellschaft voran kommen, ohne durch ethnische, räumliche oder soziale Herkunft gehindert zu werden: Kann es trotz der vielen Blockaden, die heute in der Bildung und bei der Integration Zugewanderter der sozialen Mobilität im Wege stehen, einen solchen „deutschen Traum“ geben? Dieses Blog diskutiert, ob das Ideal einer aufstiegsoffenen Gesellschaft für emanzipatorische Politik taugt."

Studie „Einwanderinnen und Einwanderer in den Räten deutscher Großstädte“

Studie „Kaum Bewegung, viel Ungleichheit“

Die Studie von Reinhard Pollak (WZB) zeigt, in Deutschland schaffen es weniger als 1% aus einem Elternhaus, in dem der Vater ungelernter Arbeiter ist, selbst in eine leitende Angestelltenposition zu gelangen.
Dagegen werden zwei Drittel der Kinder aus einer leitenden Angestelltenfamilie selbst leitende Angestellte.
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Die Ausgabe "Sozialer Aufstieg - Strategien gegen die blockierte Gesellschaft" von Boell.thema liefert Analysen, Reportagen und Überlegungen rund um Fragen sozialer Mobilität und das Leitbild der aufstiegsoffenen Gesellschaft.
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