Was ist der deutsche Traum?

Karriereleiter rauf, Blutdruck runter

22. Juli 2011, Comments (0)

Was soziale Mobilität alles bewirken kann! Laut einer neuen Studie schwedischer Forscherinnen und Forscher hält der gesellschaftliche Aufstieg gesundheitlich fit und senkt den Blutdruck.

Für die Untersuchung, deren Ergebnisse vor einigen Tagen im Journal of Epidemiology & Community Health erschienen sind, hatte das Forscherteam des Stockholmer Karolinska Instituts die Ergebnisse einer Umfrage ausgewertet, bei der 12.000 Zwillingspaare über deren Gesundheit, Lebens- und Familienverhältnisse befragt worden waren.

Wenig überraschend zeigte sich, dass Befragte, die einer Familie mit niedrigem sozialen Status entstammen, häufiger unter Bluthochdruck leiden als diejenigen, die das Glück haben, aus einer bessergestellten Familie zu kommen. Der Vergleich von Zwillingspaaren zeigte darüber hinaus aber auch, dass diejenigen, die im Lebenslauf ihren sozialen Status verbessern, ihr Blutdruckrisiko vermindern können.

„…the risk of hypertension associated with low parental social status can be modified by social status later in life.“

Über die Gründe kann man spekulieren: Bessere Bildung, größeres Gesundheitsbewusstsein, bessere ärztliche Versorgung, gesündere Ernährung, höhere Lebenszufriedenheit. Die Formel „Aufstieg = mehr Stress = höherer Blutdruck“ jedenfalls scheint nicht zu stimmen. Eher muss es wohl heißen „Sozialer Aufstieg nutzt ihrer Gesundheit“.

Foto: joey.parsons (cc by-nd 2.0)

Wohnen und wählen

18. Juli 2011, Comments (0)

Am 29. Juni diskutierte die Veranstaltung „Mittendrin oder nur irgendwie dabei“ in der Heinrich-Böll-Stiftung die Rolle von Menschen mit Migrationshintergrund in der deutschen Kommunalpolitik.

Der Filmclip über die Konferenz zeigt, dass ein Weg, die Partizipation von MigrantInnen zu steigern, darin liegen kann, Wahl- und Wohnbevölkerung stärker in Übereinklang zu bringen. Renate Künast versprach, sich dafür stark zu machen, das kommunale Wahlrecht für Bürger ohne deutsche Staatsbürgerschaft auszuweiten. Mehr dazu hier:

Glückliche Hessen

12. Juli 2011, Comments (1)

Hessen ist das Land mit dem höchsten Anteil von Einwohnerinnen und Einwohnern ohne deutschen Pass in der Bundesrepublik. Rund 12% der hessischen Bevölkerung besitzt keine deutsche Staatsbürgerschaft. Der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund liegt zwischen Kassel und Darmstadt mit mehr als 24% ebenfalls über dem Bundesdurchschnitt. Hessen ist ein vielfältiges Land, daran haben auch die Kampagnen eines Roland Koch wenig ändern können.

Nun hat das hessische Integrationsministerium die Ergebnisse einer Umfrage zur Wahrnehmung von Zuwanderung und Integration veröffentlicht. Eine repräsentative Stichprobe von 1.000 Personen – mit und ohne Migrationshintergrund – war von TNS Emnid befragt worden.

Die Studie zeichnet ein äußerst positives Bild. So fühlen sich 93% der Hessen fühlen sich in ihrem Bundesland „wohl“, mehr als die Hälfte sogar „sehr wohl“. Unter den Befragten mit Migrationshintergrund sind es immerhin 86%.

Interessant sind die Einschätzungen der Befragten Hessen in Bezug auf die Chancengerechtigkeit in ihrem Land. Zirka die Hälfte der Interviewten mit und ohne Migrationshintergrund glaubt, dass die Chancen auf dem Arbeitsmarkt für Migranten ebenso gut seien wie für Einheimische. Allerdings haben Personen mit Migrationshintergrund deutlich häufiger Zweifel. Immerhin 17% glauben „überhaupt nicht“ an Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt.

Noch positiver fällt die Beurteilung der Chancen auf den Aufstieg durch Bildung aus. Hier zeigt sich einmal mehr der Bildungsoptimismus von Zugewanderten, der bereits in zahlreichen anderen Studien nachgewiesen wurde. Die Befragten mit Migrationshintergrund waren häufiger als diejenigen ohne Migrationshintergrund der Auffassung, dass Zugewanderte die gleichen Bildungschancen haben wie Einheimische.

Foto: Patrick Meier (cc by-nc 2.0)

Tagesspiegel: UN rügt deutsche Sozialpolitik

6. Juli 2011, Comments (0)

Der Berliner Tagesspiegel berichtet in der heutigen Ausgabe, dass die Vereinten Nationen die Sozialpolitik in der Bundesrepbublik scharf kritisieren. In einem Entwurf für einen neuen Länderbericht, der dem Tagesspiegel vorliegt, würde vor allem bemängelt, dass Deutschland bei der Bekämpfung von Armut und beim Abbau der Benachteiligung von Migranten nicht voran komme. Als Beispiel wird genannt, dass in Deutschland jedes vierte Kind ohne Frühstück zur Schule gehen müsse. Die UN trifft einen wunden Punkt. Wie auch die Studie der Heinrich-Böll-Stiftung „Kaum Bewegung, viel Ungleichheit“ gezeigt hat, sind die Chancen auf den gesellschaftlichen Aufstieg sind in nur wenigen industriellen Staaten so ungleich verteilt wie in Deutschland. Vor allem am unteren Rand der Gesellschaft wird Chancen- und Bildungsarmut zunehmend vererbt.

Foto: jazzlog (cc by-nc 2.0)

Shared dream, individual performance

3. Juli 2011, Comments (0)

Noch bis zum 24. Juli 2011 findet in Berlin die im Vorfeld heiß diskutierte Ausstellung „Based in Berlin“ statt, die Werke von rund 80 Künstlern zeigt, die (derzeit) an der Spree arbeiten.

In einem ehemaligen Ateliergebäude im kleinen Monbijou-Park ist die Videoarbeit „The Brave“ von Asaf Koriat zu sehen. Koriat zeigt auf einem Splitscreen wie sechs US-amerikanische Stars die Nationalhymne „The Star Spangled Banner“ zur Eröffnung verschiedener „super bowls“, also der Finalspiele der amerikanischen Football-Liga, singen.

Zu Beginn noch synchron, wird der Gesang des montierten Chors zunehmend unharmonisch und nervtötend. Der Künstler zeigt die Spannung zwischen des gemeinsamen Beschwörens des American Dreams einerseits und der Betonung der Individualität andererseits – denn jeder Künstler will mit seiner ganz eigenen Interpretation der Hymne ins kollektive Gedächtnis der Amerikaner eingehen.[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=35CCcPhpcpU[/youtube]

Weiblich, gut gebildet, türkeistämmig

28. Juni 2011, Comments (0)

Die neue Studie „Einwanderinnen und Einwanderer in den Räten deutscher Großstädte“, die am 29.6.2011 in der Heinrich-Böll-Stiftung vorgestellt und diskutiert wird, untersucht erstmals Ratsmitglieder mit Zuwanderungsgeschichte in allen 77 deutschen Städten über 100.000 Einwohner.

Die Untersuchung zeigt: Mit einem Anteil von 4% sind Migrantinnen und Migranten in den Räten stark unterrepräsentiert, bedenkt man, dass in unseren Großstädten bereits heute mehr als jeder/r Vierte einen Migrationshintergrund hat.

Die Studie verdeutlicht auch, dass es nicht die typische Kommunalpolitikerin bzw. den typischen Kommunalpolitiker mit Migrationshintergrund gibt. Dennoch wartet sie mit überraschenden Ergebnissen auf: Die türkischstämmigen Migranten – im Integrationsdiskurs oft als „Problemfall“ behandelt – stellen die größte Gruppe. Hier muss manches Vorurteil über Integrationsdefizite revidiert werden. Das gleiche gilt in Bezug auf Frauen: der Frauenanteil unter den Ratsmitgliedern mit Migrationshintergrund liegt höher als der Frauenanteil in den Räten insgesamt. Beim Bildungshintergrund ähneln sich migrantische und nichtmigrantische Ratsmitglieder. Überwiegend sind sie gut gebildet, viele von ihnen haben als Bildungsaufsteiger einen Hochschulabschluss in der Tasche. Zentrale Ergebnisse der Studie präsentiert die folgende Infografik.

Kaum Vielfalt in den Stadtparlamenten

17. Juni 2011, Comments (0)

Wie es um Gleichberechtigung und Integration in einer Gesellschaft bestellt ist, bemisst sich nicht zuletzt daran, inwieweit Menschen mit Migrationshintergrund die realistische Chance haben, politische Gestaltungsmacht zu erlangen.

Auch wird die Legitimität der Demokratie und die Akzeptanz, auf die sie in der Bevölkerung trifft, in Zukunft stärker davon abhängen, ob ihre Institutionen in der Lage sind, die zunehmende kulturelle und ethnische Vielfalt in den demokratischen Prozess einzuspeisen. Vor allem gilt das für die Städte, wo schon heute mehr als ein Drittel der Bevölkerung einen Migrationshintergrund hat – mit steigender Tendenz.

Eine Forschergruppe um Karen Schönwälder vom Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften in Göttingen hat nun in Kooperation mit der Heinrich Böll-Stiftung und mit Unterstützung der Stiftung Mercator erstmals umfassend den Stand und die Entwicklung der Repräsentanz von Menschen mit Migrationshintergrund in den Parlamenten deutscher Großstädte untersucht. Sie kommen zum ernüchternden Ergebnis, dass sich die ethnische und kulturelle Vielfalt unserer Städte in den Stadttäten kaum widerspiegelt. Nur 4% der 4670 Ratsmitglieder in allen Städten über 100.000 Einwohner haben einen Migrationshintergrund.

Die Studie wird am 29. Juni in der Heinrich-Böll-Stiftung im Rahmen der Konferenz „Mittendrin oder nur irgendwie dabei?“ vorgestellt und diskutiert. Dabei wird es auch um die Rolle und das Selbstverständnis von Kommunalpolitikerinnen und Kommunalpolitikern mit Migrationshintergrund in Deutschland gehen und um Maßnahmen, wie die gesellschaftliche Diversität besser Eingang in die Parlamente finden kann.

Foto: Michael Panse (cc by-nd 2.0)

Mehr für weniger? Großbritannien debattiert über Managergehälter

8. Juni 2011, Comments (1)

Foto: Images of Money Lizenz: Creative Commons BY SA 2.0. Original: flickr.com.

Foto: Images of Money Lizenz: Creative Commons BY SA 2.0. Original: flickr.com.

Großbritannien debattiert über die Gehälter von Top-Managern – nicht zuletzt seit eine unabhängige „High Pay Commission“ im Mai einen Bericht vorgelegt hat, der zeigt, dass britische Topverdiener im letzten Jahr eine Steigerung ihrer Bezüge von über 50% verzeichneten, während die Realeinkommen für die übrige Bevölkerung erstmals in 30 Jahren rückläufig waren. Die Einkommen der Top-Manager und Banker lägen derzeit beim 145-fachen des britischen Durchschnittseinkommens. Und wenn der Trend anhalte, so prognostizieren die Mitglieder der Kommission, werden die oberen 0,1% der Einkommensverteilung im Jahr 2025 rund 10% des Gesamteinkommens erzielen.
Ist das überhaupt ein Problem? Die Kommission sieht die Gefahr dieser Entwicklung vor allem darin, dass sie die fundamentalen Gerechtigkeitsvorstellungen in der Gesellschaft verletzt. Und tatsächlich lassen sich die hohen Gehälter über individuelle Leistung nicht mehr erklären – obwohl die Öffentlichkeit der Ansicht ist, dass dies so sein sollte: „Pay is about just rewards“, heißt es im Bericht. Eine Ursache deutet die Kommission an: In vielen Bereichen richten sich die Boni der Top-Manager heute nach der Performance der Unternehmen. Hier geht es also um wirtschaftlichen Erfolg. Er hat individuelle Leistung als Maßstab abgelöst.

„Attempts to link pay to performance are a primary cause for the dramatic growth in top pay particularly for executives.“

Als weitere Ursache führt die Kommission die fortschreitende Individualisierung der Gesellschaft an, in der Individualität und Egoismen eine wachsende Rolle spielten.

Foto: Images of Money,  Lizenz: Creative Commons BY SA 2.0. Original: flickr.com.

Aufsteigerin des Monats: Oprah Winfrey

1. Juni 2011, Comments (0)

Aufsteigerin des Monats Mai ist Oprah Winfrey. Nach 25 Jahren täglicher Präsenz lief am 25. Mai die letzte Sendung der Show der amerikanischen Entertainerin im US-Fernsehen.

Bereits in den letzten Sendungen hatten sich die Superstars die Klinke in die Hand gegeben, um die 57-jährige Oprah in den Bühnen-Ruhestand zu verabschieden: Beyonce, Aretha Franklin, Barbra Streisand, Madonna, Stevie Wonder und Usher waren da, John Travolta, Tom Hanks, Halle Berry, Jamie Foxx, Will Smith, Tom Cruise und Michael Jordan. Alle huldigten der Talkqueen, die vom Time Magazine wiederholt zur mächtigsten Frau Amerikas, wenn nicht gleich der Welt erkoren worden war.

Ein Vierteljahrhundert lang gewährte die Oprah Winfrey Show Einblicke in das Leben und die Abgründe der „every day people“ genauso wie der ganz großen Stars. Und sie bot praktische Ratschläge für alle Lebensbereiche. Die Grundbotschaft war stets die denkbar amerikanischste: Nach jedem Rückschlag, so riet Oprah ihren Zuschauern, heißt es, das Leben mit Gottvertrauen in die Hand zu nehmen und daran zu arbeiten, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Diesen American Dream verkörperte Oprah selbst. Im Jahr 1954, zu Zeiten der Rassentrennung in Mississippi in armen Verhältnissen geboren, von einem Familienmitglied missbraucht, gelang ihr der unwahrscheinliche Aufstieg in den Olymp des US-Entertainments, der sie zur Milliardärin machte.

Die mediale Präsenz von Oprah Winfrey dürfte einer der Gründe sein, warum der amerikanische Traum von „rags to riches“ in den USA weiter so lebendig ist, obwohl die tatsächlichen Chancen auf den sozialen Aufstieg in den USA im internationalen Vergleich eher gering sind und zwar vor allem auch, weil die Perspektiven der afroamerikanischen Bevölkerung noch immer schlecht sind.

It’s who you know …

16. Mai 2011, Comments (1)

Für den internationalen Kongress der Sozialdemokratie „Progressive Governance Conference„, der am 12. und 13. Mai 2011 in Oslo stattfand, hat der britische Thinktank Policy Network letzte Woche in London die Ergebnisse einer länderübergreifenden Befragung zu wichtigen Herausforderungen sozialdemokratischer Politik veröffentlicht. Jeweils rund 1.000 Bürger aus Deutschland, dem Vereinigten Königreich, den USA und Schweden waren unter anderem nach Ihren Einschätzungen zu den sozialen Aufstiegschancen in Ihrem Land interviewt worden.

„The survey reveals the sheer extent of pessimism about the reality of equal opportunity“, fassen die Autoren die Umfrageergebnisse zusammen. In Deutschland sind 54% der Befragten der Meinung, dass es, um im Leben voranzukommen, eher darauf ankommt, wen man kennt („who you know“), als auf harte, ehrliche Arbeit („hard work and playing by the rules“). Zum Vergleich: In den USA teilen 46%, im Vereinigten Königreich 62% und in Schweden 56% der Befragten diese Auffassung.

Besonders überraschend sind die Ergebnisse nicht, denn eigene Anstrengungen und die Frage, wen man kennt, spielen ganz sicher beide eine Rolle für den sozialen Aufstieg (vor allem, wenn man bei letzterem die Eltern einbezieht, also die soziale Herkunft meint). Interessant sind eher schon die Unterschiede zwischen den Ländern und der hohe Bildungspessimismus, den das Policy Network gemessen hat. So glauben 67% der befragten Deutschen, dass ein Hochschulstudium nicht die Karriereerwartungen zu erfüllen vermag, die es weckt. Nur die Schweden sind deutlich optimistischer. Der gleichen Aussage stimmen dort nur 28% der Befragten zu.

Foto: TypeFiend (cc by-nc-sa 2.0)

Über dieses Blog

„Durch eigene Anstrengungen in der Gesellschaft voran kommen, ohne durch ethnische, räumliche oder soziale Herkunft gehindert zu werden: Kann es trotz der vielen Blockaden, die heute in der Bildung und bei der Integration Zugewanderter der sozialen Mobilität im Wege stehen, einen solchen „deutschen Traum“ geben? Dieses Blog diskutiert, ob das Ideal einer aufstiegsoffenen Gesellschaft für emanzipatorische Politik taugt."

Studie „Einwanderinnen und Einwanderer in den Räten deutscher Großstädte“

Studie „Kaum Bewegung, viel Ungleichheit“

Die Studie von Reinhard Pollak (WZB) zeigt, in Deutschland schaffen es weniger als 1% aus einem Elternhaus, in dem der Vater ungelernter Arbeiter ist, selbst in eine leitende Angestelltenposition zu gelangen.
Dagegen werden zwei Drittel der Kinder aus einer leitenden Angestelltenfamilie selbst leitende Angestellte.
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Böll.Thema

Die Ausgabe "Sozialer Aufstieg - Strategien gegen die blockierte Gesellschaft" von Boell.thema liefert Analysen, Reportagen und Überlegungen rund um Fragen sozialer Mobilität und das Leitbild der aufstiegsoffenen Gesellschaft.
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