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Studie „Vielfalt sucht Rat“ – Ratsmitglieder mit Migrationshintergrund stark unterrepräsentiert

13. Dezember 2011, Comments (0)

Unsere Stadtparlamente sind noch weit davon entfernt, die kulturelle und ethnische Vielfalt in unserem Land widerzuspiegeln – gerade einmal 4% aller kommunalen Mandatsträgerinnen und Mandatsträger haben einen Migrationshintergrund. Sie stellen nur knapp vier Prozent der Ratsmitglieder in den deutschen Großstädten. Das steht im krassen Gegensatz zum teilweise zehnfach höheren Anteil von Migrant_innen an der Bevölkerung mancher deutscher Großstädte. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie „Vielfalt sucht Rat. Ratsmitglieder mit Migrationshintergrund in deutschen Großstädten“ des Göttinger Max-Planck-Instituts zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften im Auftrag der Heinrich-Böll-Stiftung und in Zusammenarbeit mit der Stiftung Mercator. Die Studie untersucht erstmals die Repräsentanz von Menschen mit Migrationshintergrund in den Räten aller deutschen Großstädte, 77 insgesamt.

Cover Studie Vielfalt sucht Rat

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Die Ergebnisse der neu erschienene Studie wurden gestern in der Heinrich-Böll-Stiftung vorgestellt. Eingeladen waren dazu Mandatsträger_innen der Berliner Bezirksversammlungen und des Abgeordnetenhauses Vertreter_innen von Parteien, Verbänden und der Medien. Zentrales Ergebnis ist, dass zwar der Anteil der Migrantinnen und Migranten in den Lokalparlamenten steigt, von gut 2,5 % auf gegenwärtig etwas über 4 %. Das liegt sehr weit unter dem tatsächlichen Bevölkerungsanteil, hat doch mittlerweise fast ein Viertel der Menschen in Deutschland einen Migrationshintergrund, örtlich, z. B. in Frankfurt, über 40 Prozent. Frankfurt ist denn auch die Stadt mit den meisten Einwander_innen in der Stadtverordnetenversammlung: fast 17 % der Ratsmitglieder haben ein Migrationshintergrund. Weniger erfreulich ist jedoch, dass immer noch 15 der 77 deutschen Großstädte gar keine Einwanderer in den Räten haben, darunter Städte wie Mannheim und Ingolstadt, wo fast 40% der Bevölkerung einen Migrationshintergrund haben. Hier ist Deutschland definitiv noch ein Entwicklungsland in Sachen politischer Partizipation. Kann von gelungener Integration doch erst die Rede sein, wenn Migrantinnen und Migranten auch ganz selbstverständlich in den Parlamenten vertreten sind.

Die Studie bringt aber auch Überraschendes zu Tage. So ist es interessant, dass entgegen landläufiger Klischees das lokale Engagement sowohl der Türkeistämmiger als auch von Frauen überdurchschnittlich ist: 40% der Ratsmitglieder mit Migrationshintergrund sind Frauen, deutlich mehr als die 33% unter den Mandatsträgerinnen ohne Migrationshintergrund. Und während die türkeistämmigen Migrant_innen  nur ca. ein Viertel der Bevölkerung mit Migrationshintergrund ausmachen, sind sie in den kommunalen Vertretungen mit über 37% fast doppelt so stark repräsentiert: ein imposanter Ausweis ihres politischen Engagements!

Zur Sprache gebracht wurde bei der Präsentation auch die Frage der Diskriminierung. Tatsächlich gibt die große Mehrheit der Befragten an, keine Diskriminierung erfahren zu haben. Das steht allerdings im Widerspruch zum häufig erlebten Alltagsrassismus. Der Charlottenburger SPD-Verordnete und Rechtsanwalt Bassam Al Abed berichtete, dass er bei einer Verhandlung vom Richter für seine „guten Deutschkenntnisse“ gelobt wurde. Grotesk, wenn man bedenkt, dass er in Berlin geboren, aufgewachsen, zur Schule und Universität gegangen und als Anwalt zugelassen ist.

Interesse wurde auch an weiteren Forschungen bekundet, besonders ob und wie sich ein relativ hoher Anteil von Migrant_innen im Lokalparlament auswirkt: auf die Situation der Eingewanderten aber auch auf die Stadt als ganze. Zunächst aber sollten die Ergebnisse der vorliegenden Studie breit zur Kenntnis genommen werden. Eine lebendige Demokratie bedarf der Partizipation aller Bevölkerungsgruppen, gerade auch in unseren Parlamenten. Die Studie zeigt, dass wir davon trotz gewisser Fortschritte noch weit entfernt sind.

Die Studie steht ab sofort zum Download zur Verfügung oder kann bei der Heinrich-Böll-Stiftung kostenfrei bezogen werden.

Allensbach-Studie: Wachsende Schichtunterschiede

18. August 2011, Comments (0)

Die Mehrheit der Deutschen erwartet, dass die Unterschiede zwischen den sozialen Schichten weiter wachsen werden. Zu diesem Ergebnis kommt eine Umfrage, die das Institut für Demoskopie Allensbach für die Frankfurter Allgemeine Zeitung durchgeführt hat.

Institutsleiterin Köcher schreibt in der FAZ vom 17.8., dass diese Einschätzung durchaus begründet sei, denn die materielle Lage der sozialen Schichten entwickle sich tatsächlich auseinander. Während Mittel- und Unterschicht vom Arbeitseinkommen und damit stark von der wirtschaftlichen Konjunktur abhängig seien, hätte sich die Oberschicht aus dieser Abhängigkeit befreit. Ihr Wohlstand gründe sich zunehmend auf Vermögenseinkünften, Erbschaften und Schenkungen.

Mit den materiellen Unterschieden würden sich auch soziale und kulturelle Differenzen verfestigen, heißt es weiter. So entwickle sich insbesondere die Gesundheitsorientierung sowie das Interesse an Politik und Kultur auseinander – ein letztlich sich selbst verstärkender Prozess.

„Von den Eltern von Schulkindern aus den höheren sozialen Schichten möchten annähernd 70 Prozent ihren Kindern unter anderem Lesefreude vermitteln, von den Eltern aus den unsteren sozialen Schichten gerade einmal 26 Prozent“

Das materielle Auseinanderdriften der Schichten erfolge fast „zwangsläufig“ in längeren Friedenzeiten, schreibt Köcher. Auf diese Grundtendenz hat auch der Tübinger Soziologe Christoph Deutschmann mehrfach hingewiesen – und macht darin eine Ursache für Finanzkrisen aus, weil das in den Oberschichten akkumulierte Kapital keine produktiven Anlagegelegenheiten findet und es so zu Finanzblasen komme, die am Ende platzen.

Foto: redronafets (cc by-nc-nd 2.0)

Karriereleiter rauf, Blutdruck runter

22. Juli 2011, Comments (0)

Was soziale Mobilität alles bewirken kann! Laut einer neuen Studie schwedischer Forscherinnen und Forscher hält der gesellschaftliche Aufstieg gesundheitlich fit und senkt den Blutdruck.

Für die Untersuchung, deren Ergebnisse vor einigen Tagen im Journal of Epidemiology & Community Health erschienen sind, hatte das Forscherteam des Stockholmer Karolinska Instituts die Ergebnisse einer Umfrage ausgewertet, bei der 12.000 Zwillingspaare über deren Gesundheit, Lebens- und Familienverhältnisse befragt worden waren.

Wenig überraschend zeigte sich, dass Befragte, die einer Familie mit niedrigem sozialen Status entstammen, häufiger unter Bluthochdruck leiden als diejenigen, die das Glück haben, aus einer bessergestellten Familie zu kommen. Der Vergleich von Zwillingspaaren zeigte darüber hinaus aber auch, dass diejenigen, die im Lebenslauf ihren sozialen Status verbessern, ihr Blutdruckrisiko vermindern können.

„…the risk of hypertension associated with low parental social status can be modified by social status later in life.“

Über die Gründe kann man spekulieren: Bessere Bildung, größeres Gesundheitsbewusstsein, bessere ärztliche Versorgung, gesündere Ernährung, höhere Lebenszufriedenheit. Die Formel „Aufstieg = mehr Stress = höherer Blutdruck“ jedenfalls scheint nicht zu stimmen. Eher muss es wohl heißen „Sozialer Aufstieg nutzt ihrer Gesundheit“.

Foto: joey.parsons (cc by-nd 2.0)

Glückliche Hessen

12. Juli 2011, Comments (1)

Hessen ist das Land mit dem höchsten Anteil von Einwohnerinnen und Einwohnern ohne deutschen Pass in der Bundesrepublik. Rund 12% der hessischen Bevölkerung besitzt keine deutsche Staatsbürgerschaft. Der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund liegt zwischen Kassel und Darmstadt mit mehr als 24% ebenfalls über dem Bundesdurchschnitt. Hessen ist ein vielfältiges Land, daran haben auch die Kampagnen eines Roland Koch wenig ändern können.

Nun hat das hessische Integrationsministerium die Ergebnisse einer Umfrage zur Wahrnehmung von Zuwanderung und Integration veröffentlicht. Eine repräsentative Stichprobe von 1.000 Personen – mit und ohne Migrationshintergrund – war von TNS Emnid befragt worden.

Die Studie zeichnet ein äußerst positives Bild. So fühlen sich 93% der Hessen fühlen sich in ihrem Bundesland „wohl“, mehr als die Hälfte sogar „sehr wohl“. Unter den Befragten mit Migrationshintergrund sind es immerhin 86%.

Interessant sind die Einschätzungen der Befragten Hessen in Bezug auf die Chancengerechtigkeit in ihrem Land. Zirka die Hälfte der Interviewten mit und ohne Migrationshintergrund glaubt, dass die Chancen auf dem Arbeitsmarkt für Migranten ebenso gut seien wie für Einheimische. Allerdings haben Personen mit Migrationshintergrund deutlich häufiger Zweifel. Immerhin 17% glauben „überhaupt nicht“ an Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt.

Noch positiver fällt die Beurteilung der Chancen auf den Aufstieg durch Bildung aus. Hier zeigt sich einmal mehr der Bildungsoptimismus von Zugewanderten, der bereits in zahlreichen anderen Studien nachgewiesen wurde. Die Befragten mit Migrationshintergrund waren häufiger als diejenigen ohne Migrationshintergrund der Auffassung, dass Zugewanderte die gleichen Bildungschancen haben wie Einheimische.

Foto: Patrick Meier (cc by-nc 2.0)

Weiblich, gut gebildet, türkeistämmig

28. Juni 2011, Comments (0)

Die neue Studie „Einwanderinnen und Einwanderer in den Räten deutscher Großstädte“, die am 29.6.2011 in der Heinrich-Böll-Stiftung vorgestellt und diskutiert wird, untersucht erstmals Ratsmitglieder mit Zuwanderungsgeschichte in allen 77 deutschen Städten über 100.000 Einwohner.

Die Untersuchung zeigt: Mit einem Anteil von 4% sind Migrantinnen und Migranten in den Räten stark unterrepräsentiert, bedenkt man, dass in unseren Großstädten bereits heute mehr als jeder/r Vierte einen Migrationshintergrund hat.

Die Studie verdeutlicht auch, dass es nicht die typische Kommunalpolitikerin bzw. den typischen Kommunalpolitiker mit Migrationshintergrund gibt. Dennoch wartet sie mit überraschenden Ergebnissen auf: Die türkischstämmigen Migranten – im Integrationsdiskurs oft als „Problemfall“ behandelt – stellen die größte Gruppe. Hier muss manches Vorurteil über Integrationsdefizite revidiert werden. Das gleiche gilt in Bezug auf Frauen: der Frauenanteil unter den Ratsmitgliedern mit Migrationshintergrund liegt höher als der Frauenanteil in den Räten insgesamt. Beim Bildungshintergrund ähneln sich migrantische und nichtmigrantische Ratsmitglieder. Überwiegend sind sie gut gebildet, viele von ihnen haben als Bildungsaufsteiger einen Hochschulabschluss in der Tasche. Zentrale Ergebnisse der Studie präsentiert die folgende Infografik.

Kaum Vielfalt in den Stadtparlamenten

17. Juni 2011, Comments (0)

Wie es um Gleichberechtigung und Integration in einer Gesellschaft bestellt ist, bemisst sich nicht zuletzt daran, inwieweit Menschen mit Migrationshintergrund die realistische Chance haben, politische Gestaltungsmacht zu erlangen.

Auch wird die Legitimität der Demokratie und die Akzeptanz, auf die sie in der Bevölkerung trifft, in Zukunft stärker davon abhängen, ob ihre Institutionen in der Lage sind, die zunehmende kulturelle und ethnische Vielfalt in den demokratischen Prozess einzuspeisen. Vor allem gilt das für die Städte, wo schon heute mehr als ein Drittel der Bevölkerung einen Migrationshintergrund hat – mit steigender Tendenz.

Eine Forschergruppe um Karen Schönwälder vom Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften in Göttingen hat nun in Kooperation mit der Heinrich Böll-Stiftung und mit Unterstützung der Stiftung Mercator erstmals umfassend den Stand und die Entwicklung der Repräsentanz von Menschen mit Migrationshintergrund in den Parlamenten deutscher Großstädte untersucht. Sie kommen zum ernüchternden Ergebnis, dass sich die ethnische und kulturelle Vielfalt unserer Städte in den Stadttäten kaum widerspiegelt. Nur 4% der 4670 Ratsmitglieder in allen Städten über 100.000 Einwohner haben einen Migrationshintergrund.

Die Studie wird am 29. Juni in der Heinrich-Böll-Stiftung im Rahmen der Konferenz „Mittendrin oder nur irgendwie dabei?“ vorgestellt und diskutiert. Dabei wird es auch um die Rolle und das Selbstverständnis von Kommunalpolitikerinnen und Kommunalpolitikern mit Migrationshintergrund in Deutschland gehen und um Maßnahmen, wie die gesellschaftliche Diversität besser Eingang in die Parlamente finden kann.

Foto: Michael Panse (cc by-nd 2.0)

Mehr für weniger? Großbritannien debattiert über Managergehälter

8. Juni 2011, Comments (1)

Foto: Images of Money Lizenz: Creative Commons BY SA 2.0. Original: flickr.com.

Foto: Images of Money Lizenz: Creative Commons BY SA 2.0. Original: flickr.com.

Großbritannien debattiert über die Gehälter von Top-Managern – nicht zuletzt seit eine unabhängige „High Pay Commission“ im Mai einen Bericht vorgelegt hat, der zeigt, dass britische Topverdiener im letzten Jahr eine Steigerung ihrer Bezüge von über 50% verzeichneten, während die Realeinkommen für die übrige Bevölkerung erstmals in 30 Jahren rückläufig waren. Die Einkommen der Top-Manager und Banker lägen derzeit beim 145-fachen des britischen Durchschnittseinkommens. Und wenn der Trend anhalte, so prognostizieren die Mitglieder der Kommission, werden die oberen 0,1% der Einkommensverteilung im Jahr 2025 rund 10% des Gesamteinkommens erzielen.
Ist das überhaupt ein Problem? Die Kommission sieht die Gefahr dieser Entwicklung vor allem darin, dass sie die fundamentalen Gerechtigkeitsvorstellungen in der Gesellschaft verletzt. Und tatsächlich lassen sich die hohen Gehälter über individuelle Leistung nicht mehr erklären – obwohl die Öffentlichkeit der Ansicht ist, dass dies so sein sollte: „Pay is about just rewards“, heißt es im Bericht. Eine Ursache deutet die Kommission an: In vielen Bereichen richten sich die Boni der Top-Manager heute nach der Performance der Unternehmen. Hier geht es also um wirtschaftlichen Erfolg. Er hat individuelle Leistung als Maßstab abgelöst.

„Attempts to link pay to performance are a primary cause for the dramatic growth in top pay particularly for executives.“

Als weitere Ursache führt die Kommission die fortschreitende Individualisierung der Gesellschaft an, in der Individualität und Egoismen eine wachsende Rolle spielten.

Foto: Images of Money,  Lizenz: Creative Commons BY SA 2.0. Original: flickr.com.

It’s who you know …

16. Mai 2011, Comments (1)

Für den internationalen Kongress der Sozialdemokratie „Progressive Governance Conference„, der am 12. und 13. Mai 2011 in Oslo stattfand, hat der britische Thinktank Policy Network letzte Woche in London die Ergebnisse einer länderübergreifenden Befragung zu wichtigen Herausforderungen sozialdemokratischer Politik veröffentlicht. Jeweils rund 1.000 Bürger aus Deutschland, dem Vereinigten Königreich, den USA und Schweden waren unter anderem nach Ihren Einschätzungen zu den sozialen Aufstiegschancen in Ihrem Land interviewt worden.

„The survey reveals the sheer extent of pessimism about the reality of equal opportunity“, fassen die Autoren die Umfrageergebnisse zusammen. In Deutschland sind 54% der Befragten der Meinung, dass es, um im Leben voranzukommen, eher darauf ankommt, wen man kennt („who you know“), als auf harte, ehrliche Arbeit („hard work and playing by the rules“). Zum Vergleich: In den USA teilen 46%, im Vereinigten Königreich 62% und in Schweden 56% der Befragten diese Auffassung.

Besonders überraschend sind die Ergebnisse nicht, denn eigene Anstrengungen und die Frage, wen man kennt, spielen ganz sicher beide eine Rolle für den sozialen Aufstieg (vor allem, wenn man bei letzterem die Eltern einbezieht, also die soziale Herkunft meint). Interessant sind eher schon die Unterschiede zwischen den Ländern und der hohe Bildungspessimismus, den das Policy Network gemessen hat. So glauben 67% der befragten Deutschen, dass ein Hochschulstudium nicht die Karriereerwartungen zu erfüllen vermag, die es weckt. Nur die Schweden sind deutlich optimistischer. Der gleichen Aussage stimmen dort nur 28% der Befragten zu.

Foto: TypeFiend (cc by-nc-sa 2.0)

Wie chancengerecht ist Deutschland?

2. Mai 2011, Comments (0)

„Wie gerecht ist Deutschland“ fragt ZEIT online in einer aktuellen Serie und stellt in der Ausgabe vom 27.4. fest, dass die Bundesrepublik in Hinblick auf die Chancengerechtigkeit gar nicht so schlecht dasteht, wie man meinen könnte.

Die ZEIT beruft sich auf Zahlen der OECD, die zeigen, dass das Einkommen der jüngeren Generation in Deutschland nicht so stark von dem ihrer Eltern abhängt, wie es zum Beispiel in den USA der Fall ist. Insgesamt befindet sich Deutschland international im Mittelfeld, wenn es um die Vererbung von Einkommensvorteilen von Eltern auf ihre Kinder geht.

Zu Recht weist die ZEIT darauf hin, dass das Einkommen jedoch nur ein Indikator ist, um Chancengerechtigkeit zu messen und zitiert die Studie „Kaum Bewegung, viel Ungleichheit„, die der Soziologie Reinhard Pollak (WZB) für die Heinrich-Böll-Stiftung durchgeführt hat. Dort wird nach den Chancen gefragt, bestimmte gesellschaftliche Positionen zu erreichen. Und es zeigt sich, dass insbesondere diejenigen geringe Aussichten auf den gesellchaftlichen Aufstieg haben, deren Eltern aus niedrigen Klassenpositionen stammen.

Die „Beharrungskräfte am unteren und oberen Rand“ der Gesellschaft seien das große Problem, meint die ZEIT. Diejenigen die unten sind, schaffen es kaum auf der gesellschaftlichen Leiter nach oben zu kommen, die am oberen Rand müssen schon viel falsch machen, um abzusteigen.

„Deutschland könnte weit mehr tun, um für die Chancengleichheit zu sorgen“, resümiert die ZEIT, lässt aber offen, was getan werden sollte.

Dabei gibt es interessante Vorschläge. So hat zuletzt der von Jürgen Baumert geleitete Expertenrat „Herkunft und Bildungserfolg“ in Baden-Württemberg Politikempfehlungen erarbeitet. Bildung ist unbestritten der Schlüssel für Aufstiegschancen. Der Rat fordert eine klare Prioritätensetzung in der Bildungspolitik. Mittel sollten vor allem für die Förderung von Jugendlichen ausgegeben werden, die sich in besonderen „Risikolagen“ befinden. Ähnliches hatte bereits zuvor die Schulkommission der Heinrich-Böll-Stiftung in der Empfehlung „Bildungsgerechtigkeit im Lebenslauf“ vorgeschlagen.

PS: Ein Veranstaltungshinweis zum Thema: Am 4. Mai stellt Reinhard Pollak die Studie „Kaum Bewegung, viel Ungleichheit“ im Rahmen der Vorlesungsreihe GERECHT im kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden vor. Beginn ist um 18 Uhr.

Foto: Lars Hilscher (cc by-nc-sa 2.0)

Weit mehr als Gemüseläden: Migranten machen sich überdurchschnittlich oft selbständig

18. April 2011, Comments (1)

Migranten machen sich in Deutschland häufiger selbständig als der Durchschnitt der Bevölkerung. Das zeigt der neue „Global Entrepreneurship Monitor“ für Deutschland, den das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung und die Universität Hannover im April 2011 vorgestellt haben.

Unter den Menschen mit Migrationshintergrund (berücksichtigt wurden Zugewanderte und ihre Kinder) zwischen 18 und 64 Jahren gehören 6,9% zu den Gründerinnen und Gründern, in der Gesamtbevölkerung sind es nur 4,2%. Fast jede(r) vierte Gründer(in) in Deutschland hat einen Migrationshintergrund.

Die Forscher nennen verschiedene Gründe für die höhere Gründungsfreudigkeit unter den Migranten: Vor allem sei der Anteil derjenigen, die angibt, aus mangelnden Alternativen auf dem Arbeitsmarkt den Schritt in die Selbständigkeit gewagt zu haben, größer als bei Nicht-Migranten. Hier dürften u.a. Zugangsbarrieren zum Arbeitsmarkt wie die mangelhafte Anerkennung von ausländischen Ausbildungsabschlüssen, Diskriminierungen eine Rolle spielen.

Erstaunt hat die Forscher, dass sich die Einstellungen der Migranten bezüglich der Selbständigkeit nicht sehr von denen nicht-migrantischer Unternehmer unterscheiden. So sei unter Migranten keine höhere Risikobereitschaft zu verzeichnen. Allerdings gebe es in innerhalb migrantischer Communities mehr Vorbilder für Selbständige. Migranten kennen mehr Personen im persönlichen Umfeld, die sich selbständig gemacht haben.

Das interessanteste Ergebnis der Studie betrifft die Art der von Migranten gegründeten Unternehmen. Im Jahr 2009 hatte Thilo Sarrazin in einem zynischen Interview zur Integrationsfrage gesagt, dass Araber und Türken in Berlin keine produktive Funktion hätten – außer die, Obst- und Gemüseläden zu gründen. Abgesehen davon, dass auch Obst- und Gemüseläden höchst sinnvolle Einrichtungen sind, die Studie von IAB und Universität Hannover zeigt nun, dass Sarrazin auch in seinem Vorurteil über die Selbständigkeit von Migranten wohl falsch liegt.

Die Forscher schreiben

„Insgesamt kann festgestellt werden, dass sich die innovative Qualität der Gründungen von Migranten nicht von denen der einheimischen Bevölkerung unterscheidet“.

und

„Die von Migranten gegründeten Unternehmen sind im Durchschnitt größer als die der einheimischen Gründer. […] Unternehmensgründungen von Migranten haben daher eine etwas höhere Beschäftigungswirkung als die von Nicht-Migranten.“

Foto: digital cat (cc by 2.0)

Über dieses Blog

„Durch eigene Anstrengungen in der Gesellschaft voran kommen, ohne durch ethnische, räumliche oder soziale Herkunft gehindert zu werden: Kann es trotz der vielen Blockaden, die heute in der Bildung und bei der Integration Zugewanderter der sozialen Mobilität im Wege stehen, einen solchen „deutschen Traum“ geben? Dieses Blog diskutiert, ob das Ideal einer aufstiegsoffenen Gesellschaft für emanzipatorische Politik taugt."

Studie „Einwanderinnen und Einwanderer in den Räten deutscher Großstädte“

Studie „Kaum Bewegung, viel Ungleichheit“

Die Studie von Reinhard Pollak (WZB) zeigt, in Deutschland schaffen es weniger als 1% aus einem Elternhaus, in dem der Vater ungelernter Arbeiter ist, selbst in eine leitende Angestelltenposition zu gelangen.
Dagegen werden zwei Drittel der Kinder aus einer leitenden Angestelltenfamilie selbst leitende Angestellte.
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