Programmteam « Was ist der deutsche Traum?

Studie „Vielfalt sucht Rat“ – Ratsmitglieder mit Migrationshintergrund stark unterrepräsentiert

13. Dezember 2011, Comments (0)

Unsere Stadtparlamente sind noch weit davon entfernt, die kulturelle und ethnische Vielfalt in unserem Land widerzuspiegeln – gerade einmal 4% aller kommunalen Mandatsträgerinnen und Mandatsträger haben einen Migrationshintergrund. Sie stellen nur knapp vier Prozent der Ratsmitglieder in den deutschen Großstädten. Das steht im krassen Gegensatz zum teilweise zehnfach höheren Anteil von Migrant_innen an der Bevölkerung mancher deutscher Großstädte. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie „Vielfalt sucht Rat. Ratsmitglieder mit Migrationshintergrund in deutschen Großstädten“ des Göttinger Max-Planck-Instituts zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften im Auftrag der Heinrich-Böll-Stiftung und in Zusammenarbeit mit der Stiftung Mercator. Die Studie untersucht erstmals die Repräsentanz von Menschen mit Migrationshintergrund in den Räten aller deutschen Großstädte, 77 insgesamt.

Cover Studie Vielfalt sucht Rat

Download (PDF 1782 kb, 77 Seiten)

Die Ergebnisse der neu erschienene Studie wurden gestern in der Heinrich-Böll-Stiftung vorgestellt. Eingeladen waren dazu Mandatsträger_innen der Berliner Bezirksversammlungen und des Abgeordnetenhauses Vertreter_innen von Parteien, Verbänden und der Medien. Zentrales Ergebnis ist, dass zwar der Anteil der Migrantinnen und Migranten in den Lokalparlamenten steigt, von gut 2,5 % auf gegenwärtig etwas über 4 %. Das liegt sehr weit unter dem tatsächlichen Bevölkerungsanteil, hat doch mittlerweise fast ein Viertel der Menschen in Deutschland einen Migrationshintergrund, örtlich, z. B. in Frankfurt, über 40 Prozent. Frankfurt ist denn auch die Stadt mit den meisten Einwander_innen in der Stadtverordnetenversammlung: fast 17 % der Ratsmitglieder haben ein Migrationshintergrund. Weniger erfreulich ist jedoch, dass immer noch 15 der 77 deutschen Großstädte gar keine Einwanderer in den Räten haben, darunter Städte wie Mannheim und Ingolstadt, wo fast 40% der Bevölkerung einen Migrationshintergrund haben. Hier ist Deutschland definitiv noch ein Entwicklungsland in Sachen politischer Partizipation. Kann von gelungener Integration doch erst die Rede sein, wenn Migrantinnen und Migranten auch ganz selbstverständlich in den Parlamenten vertreten sind.

Die Studie bringt aber auch Überraschendes zu Tage. So ist es interessant, dass entgegen landläufiger Klischees das lokale Engagement sowohl der Türkeistämmiger als auch von Frauen überdurchschnittlich ist: 40% der Ratsmitglieder mit Migrationshintergrund sind Frauen, deutlich mehr als die 33% unter den Mandatsträgerinnen ohne Migrationshintergrund. Und während die türkeistämmigen Migrant_innen  nur ca. ein Viertel der Bevölkerung mit Migrationshintergrund ausmachen, sind sie in den kommunalen Vertretungen mit über 37% fast doppelt so stark repräsentiert: ein imposanter Ausweis ihres politischen Engagements!

Zur Sprache gebracht wurde bei der Präsentation auch die Frage der Diskriminierung. Tatsächlich gibt die große Mehrheit der Befragten an, keine Diskriminierung erfahren zu haben. Das steht allerdings im Widerspruch zum häufig erlebten Alltagsrassismus. Der Charlottenburger SPD-Verordnete und Rechtsanwalt Bassam Al Abed berichtete, dass er bei einer Verhandlung vom Richter für seine „guten Deutschkenntnisse“ gelobt wurde. Grotesk, wenn man bedenkt, dass er in Berlin geboren, aufgewachsen, zur Schule und Universität gegangen und als Anwalt zugelassen ist.

Interesse wurde auch an weiteren Forschungen bekundet, besonders ob und wie sich ein relativ hoher Anteil von Migrant_innen im Lokalparlament auswirkt: auf die Situation der Eingewanderten aber auch auf die Stadt als ganze. Zunächst aber sollten die Ergebnisse der vorliegenden Studie breit zur Kenntnis genommen werden. Eine lebendige Demokratie bedarf der Partizipation aller Bevölkerungsgruppen, gerade auch in unseren Parlamenten. Die Studie zeigt, dass wir davon trotz gewisser Fortschritte noch weit entfernt sind.

Die Studie steht ab sofort zum Download zur Verfügung oder kann bei der Heinrich-Böll-Stiftung kostenfrei bezogen werden.

Abschluss der Veranstaltungsreihe „Angekommen“: Film und Dossier „Zu Hause in Almanya“

30. November 2011, Comments (0)

Heute abend, am 30.11.2011, findet die Fimreihe „Blicke zurück und nach vorn – 50 Jahre deutsch-türkische Filmgeschichten“ ihr Ende. Zum Abschluss laden wir ab 19 Uhr nochmals zum Film gucken, diskutieren und zu einem kleinen Snack in der Heinrich Böll Stiftung (Schumanstr. 8, 10117 Berlin) ein. Wir zeigen „Ein Fest für Beyhan“ von Ayse Polat und den Dokumentarfilm „Wir sitzen im Süden“ der Filmemacherin Martina Priessner. Sie stellt darin vier deutschtürkische Mitarbeiter_innen von Istanbuler Call-Centern vor.

Titelbild und Download des Dossiers

Download des Dossiers (PDF 983 kb, S. 72)

Pünktlich zum Abschluss der Filmreihe, der auch den Abschluss unserer Veranstaltungsreihe „Angekommen“ zum 50 jährigen Jubiläum der Anwerbeabkommens zwischen der Türkei und Deutschland markiert, präsentieren wir zudem das Dossier „Zuhause in Almanya – Türkisch-deutsche Geschichten & Lebenswelten“.

Im Mittelpunkt stehen dabei einzelne Menschen – aus der Türkei, Menschen aus Deutschland, Almancis, Deutschtürk_innen, Einwander_innen, Auswander_innen, Angekommene, Zurückgekehrte, Pendelnde – die große Vielfalt!

Doch anders als so oft geht es in diesem Dossier nicht um problembehaftete Themenfelder, seien es vom Mainstream problematisierte oder aber tatsächlich problematische Dinge. Der Fokus liegt auf Alltagsgeschichten und -phänomenen: Film, Fernsehen, Musik, Essen, Reisen und Witze. Auch werden Erfolgsgeschichten von Unternehmer_innen mit Wurzeln in der Türkei oder die Vielfalt der türkischen Community in den Blick genommen.

Die im Dossier versammelten Aufsätze geben einen Eindruck davon, wie vielfältig die Menschen,  ihre Beiträge und Lebensrealitäten sind. Gerade hier kann sich zeigen, was „gelungene Integration“ sein kann. Zum Gesamtbild gehört eben auch der Blick auf die wirtschaftlichen und kulturellen Leistungen und die Erfolge der Einwander_innen, die Zentrum, ja im Herzen der Gesellschaft stattgefunden haben und statt finden.

Die MID-Redaktion wünscht viel Spass bei der Lektüre!

Über dieses Blog

„Durch eigene Anstrengungen in der Gesellschaft voran kommen, ohne durch ethnische, räumliche oder soziale Herkunft gehindert zu werden: Kann es trotz der vielen Blockaden, die heute in der Bildung und bei der Integration Zugewanderter der sozialen Mobilität im Wege stehen, einen solchen „deutschen Traum“ geben? Dieses Blog diskutiert, ob das Ideal einer aufstiegsoffenen Gesellschaft für emanzipatorische Politik taugt."

Studie „Einwanderinnen und Einwanderer in den Räten deutscher Großstädte“

Studie „Kaum Bewegung, viel Ungleichheit“

Die Studie von Reinhard Pollak (WZB) zeigt, in Deutschland schaffen es weniger als 1% aus einem Elternhaus, in dem der Vater ungelernter Arbeiter ist, selbst in eine leitende Angestelltenposition zu gelangen.
Dagegen werden zwei Drittel der Kinder aus einer leitenden Angestelltenfamilie selbst leitende Angestellte.
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Böll.Thema

Die Ausgabe "Sozialer Aufstieg - Strategien gegen die blockierte Gesellschaft" von Boell.thema liefert Analysen, Reportagen und Überlegungen rund um Fragen sozialer Mobilität und das Leitbild der aufstiegsoffenen Gesellschaft.
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