Debatte « Was ist der deutsche Traum?

Studie „Vielfalt sucht Rat“ – Ratsmitglieder mit Migrationshintergrund stark unterrepräsentiert

13. Dezember 2011, Comments (0)

Unsere Stadtparlamente sind noch weit davon entfernt, die kulturelle und ethnische Vielfalt in unserem Land widerzuspiegeln – gerade einmal 4% aller kommunalen Mandatsträgerinnen und Mandatsträger haben einen Migrationshintergrund. Sie stellen nur knapp vier Prozent der Ratsmitglieder in den deutschen Großstädten. Das steht im krassen Gegensatz zum teilweise zehnfach höheren Anteil von Migrant_innen an der Bevölkerung mancher deutscher Großstädte. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie „Vielfalt sucht Rat. Ratsmitglieder mit Migrationshintergrund in deutschen Großstädten“ des Göttinger Max-Planck-Instituts zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften im Auftrag der Heinrich-Böll-Stiftung und in Zusammenarbeit mit der Stiftung Mercator. Die Studie untersucht erstmals die Repräsentanz von Menschen mit Migrationshintergrund in den Räten aller deutschen Großstädte, 77 insgesamt.

Cover Studie Vielfalt sucht Rat

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Die Ergebnisse der neu erschienene Studie wurden gestern in der Heinrich-Böll-Stiftung vorgestellt. Eingeladen waren dazu Mandatsträger_innen der Berliner Bezirksversammlungen und des Abgeordnetenhauses Vertreter_innen von Parteien, Verbänden und der Medien. Zentrales Ergebnis ist, dass zwar der Anteil der Migrantinnen und Migranten in den Lokalparlamenten steigt, von gut 2,5 % auf gegenwärtig etwas über 4 %. Das liegt sehr weit unter dem tatsächlichen Bevölkerungsanteil, hat doch mittlerweise fast ein Viertel der Menschen in Deutschland einen Migrationshintergrund, örtlich, z. B. in Frankfurt, über 40 Prozent. Frankfurt ist denn auch die Stadt mit den meisten Einwander_innen in der Stadtverordnetenversammlung: fast 17 % der Ratsmitglieder haben ein Migrationshintergrund. Weniger erfreulich ist jedoch, dass immer noch 15 der 77 deutschen Großstädte gar keine Einwanderer in den Räten haben, darunter Städte wie Mannheim und Ingolstadt, wo fast 40% der Bevölkerung einen Migrationshintergrund haben. Hier ist Deutschland definitiv noch ein Entwicklungsland in Sachen politischer Partizipation. Kann von gelungener Integration doch erst die Rede sein, wenn Migrantinnen und Migranten auch ganz selbstverständlich in den Parlamenten vertreten sind.

Die Studie bringt aber auch Überraschendes zu Tage. So ist es interessant, dass entgegen landläufiger Klischees das lokale Engagement sowohl der Türkeistämmiger als auch von Frauen überdurchschnittlich ist: 40% der Ratsmitglieder mit Migrationshintergrund sind Frauen, deutlich mehr als die 33% unter den Mandatsträgerinnen ohne Migrationshintergrund. Und während die türkeistämmigen Migrant_innen  nur ca. ein Viertel der Bevölkerung mit Migrationshintergrund ausmachen, sind sie in den kommunalen Vertretungen mit über 37% fast doppelt so stark repräsentiert: ein imposanter Ausweis ihres politischen Engagements!

Zur Sprache gebracht wurde bei der Präsentation auch die Frage der Diskriminierung. Tatsächlich gibt die große Mehrheit der Befragten an, keine Diskriminierung erfahren zu haben. Das steht allerdings im Widerspruch zum häufig erlebten Alltagsrassismus. Der Charlottenburger SPD-Verordnete und Rechtsanwalt Bassam Al Abed berichtete, dass er bei einer Verhandlung vom Richter für seine „guten Deutschkenntnisse“ gelobt wurde. Grotesk, wenn man bedenkt, dass er in Berlin geboren, aufgewachsen, zur Schule und Universität gegangen und als Anwalt zugelassen ist.

Interesse wurde auch an weiteren Forschungen bekundet, besonders ob und wie sich ein relativ hoher Anteil von Migrant_innen im Lokalparlament auswirkt: auf die Situation der Eingewanderten aber auch auf die Stadt als ganze. Zunächst aber sollten die Ergebnisse der vorliegenden Studie breit zur Kenntnis genommen werden. Eine lebendige Demokratie bedarf der Partizipation aller Bevölkerungsgruppen, gerade auch in unseren Parlamenten. Die Studie zeigt, dass wir davon trotz gewisser Fortschritte noch weit entfernt sind.

Die Studie steht ab sofort zum Download zur Verfügung oder kann bei der Heinrich-Böll-Stiftung kostenfrei bezogen werden.

Die Toronto-Roadshow macht Halt in Berlin: Gute Ideen aus Kanada

30. November 2011, Comments (0)

Urbane Ballungsräume sind oft geprägt von multikultureller Vielfalt. Dieser Vielfalt gerecht zu werden und jedem Einzelnen eine Chance auf Selbstverwirklichung zu bieten, ist eine soziale, ökonomische und politische Herausforderung für alle Metropolen dieser Welt.

 Viele Städte stellen sich dieser Herausforderung und haben innovative Ansätze der  Inklusion entwickelt – oft unabhängig von der nationalen Politik ihres Landes. Unter    dem Titel „Toronto Roadshow – Good Ideas from Canada“ sollen Berlin und Toronto    miteinander ins Gespräch kommen, um sich über die städtische Politik des  Multikulturalismus und der Inklusion sowie deren praktische Umsetzung auszutauschen  und so von den Erfahrungen der jeweils anderen Metropole zu lernen. Dabei werden  ausgewählte Vertreter/innen verschiedener Politik- und Gesellschaftsbereiche (Politik,    Verwaltung, Arbeit & Wirtschaft, Bildung, Medien & Kultur, Polizei) von ihrer Arbeit vor  Ort berichten und erfolgreiche Projekte vorstellen.

Die Roadshow-Delegation besucht  in Deutschland außerdem Köln, Stuttgart und  Hamburg.

Heute sind u.a. dabei:

  •  Peter M. Boehm (Botschafter von Kanada in Deutschland)
  •  Elizabeth McIsaac (Executive Director, The Toronto Region Immigrant Employment Council)
  • Donna Quan (Deputy Director, Education, Toronto District School Board)
  • Matt Galloway (Host, Metro Morning Show, Canadian Broadcasting Corporation)
  • Peter Sloly (Deputy Police Chief, Toronto Police Service)
  • Marlene Kölling (Stellv. Leiterin der Landesstelle für Gleichbehandlung – gegen Diskriminierung, LADS)
  • Ute Novakovic (Stellv. Leiterin des Büros für Integration und Migration der Berliner Polizei)
  • Brigitta Gabrin (Chefredakteurin, Radio Multicult 2.0)
Die Veranstaltung findet in der Heinrich-Böll-Stiftung in der Schumannstr. 8, 10117 Berlin statt, ein Livestream ist eingerichtet.

Wie chancengerecht ist Deutschland?

2. Mai 2011, Comments (0)

„Wie gerecht ist Deutschland“ fragt ZEIT online in einer aktuellen Serie und stellt in der Ausgabe vom 27.4. fest, dass die Bundesrepublik in Hinblick auf die Chancengerechtigkeit gar nicht so schlecht dasteht, wie man meinen könnte.

Die ZEIT beruft sich auf Zahlen der OECD, die zeigen, dass das Einkommen der jüngeren Generation in Deutschland nicht so stark von dem ihrer Eltern abhängt, wie es zum Beispiel in den USA der Fall ist. Insgesamt befindet sich Deutschland international im Mittelfeld, wenn es um die Vererbung von Einkommensvorteilen von Eltern auf ihre Kinder geht.

Zu Recht weist die ZEIT darauf hin, dass das Einkommen jedoch nur ein Indikator ist, um Chancengerechtigkeit zu messen und zitiert die Studie „Kaum Bewegung, viel Ungleichheit„, die der Soziologie Reinhard Pollak (WZB) für die Heinrich-Böll-Stiftung durchgeführt hat. Dort wird nach den Chancen gefragt, bestimmte gesellschaftliche Positionen zu erreichen. Und es zeigt sich, dass insbesondere diejenigen geringe Aussichten auf den gesellchaftlichen Aufstieg haben, deren Eltern aus niedrigen Klassenpositionen stammen.

Die „Beharrungskräfte am unteren und oberen Rand“ der Gesellschaft seien das große Problem, meint die ZEIT. Diejenigen die unten sind, schaffen es kaum auf der gesellschaftlichen Leiter nach oben zu kommen, die am oberen Rand müssen schon viel falsch machen, um abzusteigen.

„Deutschland könnte weit mehr tun, um für die Chancengleichheit zu sorgen“, resümiert die ZEIT, lässt aber offen, was getan werden sollte.

Dabei gibt es interessante Vorschläge. So hat zuletzt der von Jürgen Baumert geleitete Expertenrat „Herkunft und Bildungserfolg“ in Baden-Württemberg Politikempfehlungen erarbeitet. Bildung ist unbestritten der Schlüssel für Aufstiegschancen. Der Rat fordert eine klare Prioritätensetzung in der Bildungspolitik. Mittel sollten vor allem für die Förderung von Jugendlichen ausgegeben werden, die sich in besonderen „Risikolagen“ befinden. Ähnliches hatte bereits zuvor die Schulkommission der Heinrich-Böll-Stiftung in der Empfehlung „Bildungsgerechtigkeit im Lebenslauf“ vorgeschlagen.

PS: Ein Veranstaltungshinweis zum Thema: Am 4. Mai stellt Reinhard Pollak die Studie „Kaum Bewegung, viel Ungleichheit“ im Rahmen der Vorlesungsreihe GERECHT im kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden vor. Beginn ist um 18 Uhr.

Foto: Lars Hilscher (cc by-nc-sa 2.0)

Aufstiegshoffnung und Wachstumsdenken

29. April 2011, Comments (1)

Im jüngst erschienenen Band „Mentale Infrastrukturen“ der Heinrich-Böll-Stiftung geht der Essener Sozialpsychologe Harald Welzer der Frage nach, „wie das Wachstum in die Welt und in die Seelen kam“ und benennt nicht zuletzt die Autonomie des modernen Menschen und sein Streben nach sozialem Aufstieg als Ursache für eine über die ökologischen Grenzen hinaus wachsende Weltwirtschaft.

Dass heutzutage kaum ein Wissenschaftler, Politiker oder Unternehmer ernsthaft bereit sei, über eine Welt ohne Wirtschaftswachstum nachzudenken, liegt für Welzer nicht alleine in den politischen Strukturen und den Gesetzen des Kapitalismus begründet. Zwar verlangten sowohl die Verfassung unserer Wirtschaft als auch die unseres Sozialstaat fortlaufend nach Wachstum. Welzers Ausgangsthese lautet aber, dass das Wachstumsdenken heute vor allem deshalb so mächtig beeinflusst, weil es tief und fest in den mentalen Strukturen des modernen Menschen fest eingeschrieben sei.

Interessant ist, wie Welzer den Weg nachzeichnet, über den sich der Wachstumsgedanke in historisch kurzer Zeit in unseren Köpfen festsetzte. Dabei bekommt man beim Lesen den Eindruck, Welzer trauere den Zuständen der Vormoderne durchaus ein wenig hinterher. Das moderne Selbstverständnis des Menschen, Autor seiner eigenen Biografie zu sein und nach Höherem zu streben, sei schließlich vor allem eins: ein Wachstumstreiber.

Vor der Industrialisierung habe Wachstum schon deshalb keine große Rolle spielen können, weil Wachstum eine Vorstellung von der Zukunft benötigt, in der es – wovon auch immer – „mehr“ geben soll, als die Gegenwart zu bieten hat. Bis ins 17. Jahrhundert habe es eine solche Vorstellung von Zukunft im Alltag der Menschen aber gar nicht gegeben. Zukunft, das war die Rückkehr Christi. Das irdische Leben war statisch. Es galt das Prinzip, „ dass es weniger an den Ambitionen und Leistungen der einzelnen liegt, wo sie ihren gesellschaftlichen Platz einnehmen; dieser Platz hängt ganz einfach davon ab, in welche Situation und gesellschaftliche Lage sie hineingeboren wurden.“

So treffend Welzers Bilder auch sind, die im Gegensatz dazu für eine auf stetiges Wachstum ausgerichtete heutige Welt stehen („Laptop-Männer, die alle Züge, Flugzeuge und Warte-Lounges dieser Welt bevölkern: Alle werden niemals fertig“), und so nachvollziehbar die Kritik an einer Konsumgesellschaft, die Wachstum ständig perpetuiert und in der gar nicht mehr alles konsumiert werden kann, was gekauft wird. Verwunderlich ist doch, wie wenig die unterschiedlichen sozialen Ausgangsbedingungen der Menschen bedacht werden. So ist es laut Welzer nicht nur ein Problem, dass Sinn zunehmend über Konsum realisiert wird. Auch das Streben nach sozialem Aufstieg ist für ihn problematisch – ganz so, als gäbe es keine legitimen Ansprüche, zumal derer am unteren Ende der Gesellschaft, ihre Lebensumstände – auch materiell – durch sozialen Aufstieg zu verbessern.

Zumindest kann man Welzers Text so lesen, als seien heute, da sich die Bedingungen von Wachstum dramatisch verändert haben (Ressourcen werden knapp, der Anteil der Bevölkerung, der Anspruch auf die knappen Güter erhebt, wächst) solche Ansprüche nicht mehr legitim. Wachstum bedeute Raubbau an der Zukunft. Richtig ist sicher Welzers Diagnose, dass der notwendige „Totalumbau von der carbonen zur postcarbonen Gesellschaft“ mit Technik und kluger Steuerpolitik alleine nicht zu bewältigen ist. Es müssten, wie Welzer es ausdrückt auch die mentalen Infrastrukturen verändert werden, die Art wie wir denken, wie wir die Welt und unsere Gesellschaft betrachten. Zulange hätten die Ökologen versucht, an die Vernunft und die Moral zu appellieren. Welzer fordert stattdessen eine neue Zukunftsvision davon, wir im Jahr 2025 leben wollen und dass die Zukunft „wieder eine Kategorie des Politischen“ wird. Aber ist das nicht auch wieder ein Vorgriff auf Zukunft, die Selbstüberbietung der Gegenwart in die verzeitlichte Utopie? Eine Antwort, wie ein zukunftsfähiges Lebensmodell ohne die innovative Kraft des Strebens des modernen Menschen nach einem besseren Leben aussehen könnte, bleibt Welzer schuldig.

FDP: Aufstieg gegen den Abstieg?

6. April 2011, Comments (3)

Philipp Rösler soll neuer Parteivorsitzender der FDP werden und die Partei vor einem weiteren Abrutschen nach den Landtagswahlen von Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz bewahren. Der Gesundheitsminister bildet zusammen mit Generalsekretär Christian Lindner, Gesundheits-Staatssekretär Daniel Bahr, dem Abgeordneten Johannes Vogel und einigen andereren die Nachwuchsgeneration der Liberalen, die für einen neuen, sozialeren Liberalismus eintreten wollen.

Wie der aussehen könnte, haben Rösler und Lindner vor zwei Jahren in dem Sammelband „Freiheit: gefühlt – gedacht – gelebt. Liberale Beiträge zu einer Wertediskussion“ skizziert. Eine Partei erhälte nur dann Zustimmung, schreiben die beiden Herausgeber im Vorwort ihres Buches, „wenn sie mit einer positiven politischen Erzählung verbunden wird, die das Lebensgefühl der Menschen trifft und ihnen Hoffnung auf eine bessere Zukunft macht.“

In der positiven Erzählung der FDP sollten die Begriffe Fairness und Chancengerechtigkeit eine wichtige Rolle spielen. Freiheit sei die Summe von Lebenschancen, schreibt Lindner in seinem Essay „Freiheit und Fairness“. Wie viele Chancen sich dem einzelnen böten, hinge aber nicht alleine vom persönlichen Engagement ab. Entscheidend seien auch Begabungen und die soziale Herkunft, die beide keine „Leistung“ des Einzelnen seien. Daher stelle sich die Aufgabe, die Zufälle der eigenen Geburt abzumildern, um allen Menschen echte Aussichten auf den sozialen Aufstieg zu eröffnen. Wie das gelingen kann, bleibt bei Lindner etwas vage, er deutet aber an, dass die öffentliche Infrastruktur, also u.a. Bildungseinrichtungen eine zentrale Rolle spielen. Mehr Umverteilung dürfe es laut Lindner nicht geben, Deutschland leide ohnehin unter einer „Gleichheitskrankheit“.

Chancengerechtigkeit müsse ins Zentrum des Modernisierungsdiskurses in der FDP gestellt werden, fordert auch der liberale Bundestagsabgeordnete Johannes Vogel, ebenfalls Autor im Buch von Rösler und Lindner. Das Aufstiegsversprechen für all jene, die sich anstrengen, müsse dringend erneuert werden. Die FDP müsse den Kampf „gegen Verkrustungen“ aufnehmen sagte er jüngst in einem Interview mit der Badischen Zeitung.

Das allerdings wäre ein Kurswechsel für die FDP. Denn in den letzten Jahren stand die Partei eher für das Gegenteil. Ihr Slogan „Mehr Brutto vom Netto“ bedeutet eben nicht die Eröffnung von Chancen auf den sozialen Aufstieg für diejenigen, die sich am unteren Rand der Gesellschaft. Es ging vielmehr um die Absicherung von Privilegien der bereits Aufgestiegenen und ihrer Kinder. Der FDP galt Herkunft als Leistung.

Man darf gespannt sein, ob die Öffentlichkeit der FDP beim Thema Chancengerechtigkeit eine solche Wende, sollte sie denn kommen, eher abnehmen würde, als zuletzt den Turn-around in der Atomdebatte. Die besondere Ironie liegt darin, dass die FDP mit der programmatischen Engführung auf Steuersenkungen bei der letzten Bundestagswahl noch durchaus gut gefahren ist.

Foto: Wolfgang P. Vogt (cc by-nc-sa 2.0)

Frust trotz Bildungsaufstieg

17. März 2011, Comments (0)

Am heutigen Donnerstag werden in der Heinrich-Böll-Stiftung die Ergebnisse der internationalen Integrationsstudie MIPEX vorgestellt, die von der Migration Policy Group und vom British Council durchgeführt wurde. MIPEX steht für „Migrant Integration Policy Index“ und vergleicht die Integrationspolitik von 31 Ländern in Bereichen wie Arbeitsmarktmobilität, Familienzusammenführung und Bildung.

Zu Beginn der Veranstaltung sprach Professor Han Entzinger von der Erasmus Universität Rotterdam über Aufstiegsaspirationen von Migranten und über strukturelle Barrieren, denen sie sich oft gegenüber sehen.

Barrieren gegen den sozialen Aufstieg von Migranten gibt es laut Entzinger viele. So würden Migranten in besonderem Maße von konjunkturellen Schwankungen auf dem Arbeitsmarkt getroffen. Aber auch rechtliche Regelungen (z.B. Einwanderungsgesetze), soziale Segmentierung, Rassismus und strukturelle Diskriminierungen können den Aufstieg und damit die erfolgreiche Integration von Migranten behindern.

Dennoch gelingt vielen Migranten, oft in der zweiten oder dritten Generation, der soziale Aufstieg. Nicht zuletzt liege das an den hohen Aufstiegsaspirationen, die viele Migrantinnen und Migranten haben. So habe es in den letzten Jahren gemessen in fast allen Einwanderungsstaaten erhebliche Aufstiege und eine zunehmend erfolgreiche Integration von Einwanderern gegeben. Das könne man an einer ganzen Reihe von Indikatoren ablesen, besonders auffällig sei die positive Entwicklung allerdings im Bildungssystem.

Erstaunlich sei aber, dass diese Fortschritte kaum wahrgenommen würden – und zwar weder von der heimischen Bevölkerung, noch von Einwanderern selbst. Vorherrschend sei ein Defizitdiskurs. Das liege daran, dass parallel zu den Fortschritten bei der Integration auch die Ansprüche wachsen, die an Migranten gestellt werden.

Seit einiger Zeit sei in den Einwanderungsländern ein Trend zu beobachten, die Ansprüche an Einwanderer anzuheben und außerdem ganz neue Anforderungen zu stellen. Ging es früher in erster Linie um Partizipation am Arbeitsmarkt, müssten Migranten heute auch kulturelle Assimilation und Loyalität gegenüber der neuen Heimat nachweisen. Vor allem bei den gut ausgebildeten Migranten der zweiten und dritten Generation würde es zunehmend zu Frustrationen führen, dass sie trotz Bildungsaufstieg mit größeren Schwierigkeiten zu kämpfen haben, einen guten Job zu finden, als junge Menschen ohne Migrationshintergrund und dass sie zudem um ihre gesellschaftliche Akzeptanz kämpfen müssen.

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Foto: Michael Thurm (cc by-nc-sa 2.0)

Brand eins über die Mitte

7. März 2011, Comments (0)

Auch das Wirtschaftsmagazin brand eins beschäftigt sich mit der Mitte der Gesellschaft. Die neue März-Ausgabe trägt den Titel „Ab durch die Mitte“. Darin ein Interview mit dem Sozialwissenschaftler Daniel Gardemin aus Hannover, der die Entstehung der Mittelschicht skizziert (siehe zum gleichen Thema auch den Veranstaltungsbericht „Was ist los mit der Mittelschicht?„). Die Mittslschicht sei heute kein einheitliches Milieu. Gardemin unterscheidet zwischen der traditionellen Mitte und der neuen Mitte, auf die heute so viele Parteien abzielen. Während erstere „am Bewährten und Erreichten“ festhalte, mache sich letztere „den beständigen Wandel zu eigen“. Zwischen traditioneller und neuer Mitte verliefen heute die gesellschaftlichen Konfliktlinien, so Gardemin, z.B. in der Bildung. Den einen gehe es darum, ihren Status verteidigen; die anderen wollten Aufstiegschancen für alle Kinder.

Foto: evanrlew (cc by-nc 2.0)

Hilfe, wir brauchen einen Doktor!

28. Februar 2011, Comments (2)

Als Karl-Theodor zu Guttenberg in der ersten Stellungnahme zur Debatte um seine Doktorarbeit „den einen oder anderen Fehler“ zugab, bat er um Verständnis für die schwierigen Bedingungen, unter denen die Arbeit entstanden sei. Seine Dissertation habe er neben der Abgeordnetentätigkeit als junger Familienvater in sieben Jahren „in mühevollster Kleinarbeit“ geschrieben. Statt Kritik, so musste man die Ausführungen verstehen, sei viel eher Respekt angemessen für einen, der sich durch persönliche Anstrengungen und Investitionen in die eigene Bildung bemüht habe, im Leben voranzukommen.

Hier rechtfertigte sich ein Adliger mit dem klassischen Wertkanon der Mittelschicht. Diese hatte einst mit meritokratischen Prinzipien die Vorherrschaft des Adels zu Fall gebracht. Nicht mehr der Zufall der eigenen Herkunft sollte über die gesellschaftliche Position des Einzelnen entscheiden, sondern alleine dessen Anstrengungen und Aspirationen.

Es mag sein, dass für einen Baron der besondere Reiz der Promotion darin lag, dass der „Dr.“ im Namen eine herausgehobene gesellschaftliche Stellung des Titelträgers durch Leistung rechtfertigt: Da hat sich jemand mehrere Jahre hingesetzt und in entbehrungsreicher Arbeit neue Wissensgebiete erschlossen.

Nachdem nun deutlich geworden ist, dass zu Guttenbergs Titel weniger ein Ausweis harten wissenschaftlichen Arbeiten war, sondern allenfalls mühevollen Kopierens, hätte man eigentlich erwarten müssen, dass sich die Öffentlichkeit enttäuscht vom Minister abwenden würde. Doch das scheint nicht der Fall zu sein. Laut verschiedenster Umfragen genießt zu Guttenberg in der Bevölkerung weiterhin hohe Popularitätswerte – trotz der überaus kritischen Medienberichterstattung (mit Ausnahme der BILD).

Das Engagement insbesondere der Frankfurter Allgemeinen und der Süddeutschen Zeitung in der Aufarbeitung der Affäre mag sich mit deren Unverständnis gegenüber breiten Teilen der Bevölkerung erklären, die offensichtlich bereit sind, Täuschen und Durchmogeln genauso zu honorieren wie Leistungsbereitschaft und persönlichen Einsatz. Die Journalisten, die nicht nachlassen, zu Guttenberg anzugehen, scheinen erkannt zu haben, dass die Axt an Grundwerte des bürgerlichen Selbstverständnisses gelegt wird, wenn wissenschaftliche Redlichkeit, ehrliche Arbeit und die Vorstellung, den Aufstieg durch harte Arbeit zu erreichen, zukünftig als entbehrlich erachtet würden. Sie brauchen die Achtung vor dem „Doktor“, die auf ihren Bildungsanstrengungen gründet.

Der Göttinger Politikwissenschaftler Franz Walter sieht aus dieser Richtung die größte Gefahr für zu Guttenberg kommen. Sollte er stürzen, schreibt Walter im Spiegel, dann vermutlich nicht wegen der moralischen Verfehlungen, die er zweifelsfrei begangen habe, sondern weil die Mittelschicht erkennen könnte, das der Umgang mit der Affäre gegen ihre ureigenen Interessen verstoße:

„Nun dämmert den akademisch-arrivierten Mittelschichten mit Hochschulzertifikaten, dass die Nonchalance der CDU-Granden und Guttenberg-Apologeten – „was sind schon Fußnoten“; „scheiß was auf den Doktor“ – ihre Berechtigungsausweise für berufliche Erfolge und gesellschaftliche Statuspositionen gefährden.“

Man darf gespannt sein, ob die Mittelschichten ihre Distinktionsmechanismen gegen BILD und Machterwägungen der CDU werden verteidigen können.

TV-Hinweis: Mittelschicht – Angst vor dem Abstieg

23. Februar 2011, Comments (0)

Passend zur Veranstaltung „Was ist los mit der Mittelschicht? Zur Krise eines Sehnsuchtsortes“ ein TV Hinweis: Am 22. Februar beleuchtete eine ARTE-Dokumentation die Lage der Mittelschicht in Frankreich und Deutschland. Die Reportage zeichnet dabei ein etwas sehr düster geratenes Bild von der Mitte der Gesellschaft. Die Sendung „Mittelschicht – Angst vor dem Abstieg“ kann im Internet auf den Seiten von ARTE nachgesehen werden.

Foto:anthony kelly (cc-by 2.0)

Bildungsgerechtigkeit – eine große Illusion?

21. Februar 2011, Comments (1)

Weniger als ein Prozent der Bevölkerung schafft den Aufstieg von ganz unten in der Gesellschaft nach ganz oben. Dagegen gelingt es über zwei Dritteln aller Kinder, deren Eltern leitende Angestellte sind, selbst wieder eine ähnliche Position zu ergattern (siehe die Studie „Kaum Bewegung, viel Ungleichheit“ von Reinhard Pollak).

Geht es darum, diese Ungerechtigkeit zu beseitigen, fällt der Blick zuallererst auf das Bildungssystem. Kann es helfen, den Zufall der eigenen sozialen Herkunft auszugleichen und allen Kindern die gleichen Entwicklungschancen zu gewähren? Auf Einladung der Vodafone-Stiftung diskutierten vor einigen Tagen renommierte Bildungsforscher über genau diese Frage. In der FAZ hat Heike Schmoll über die Tagung berichtet und gibt eine ernüchternde Antwort. Sie schreibt

„Durch das Bildungswesen soziale Unterschiede beseitigen zu wollen ist eine Illusion.“ („Soziale Unterschiede bleiben“, FAZ, 9.2.2011)

Schmoll verweist dabei unter anderem auf den Züricher Bildungsforscher Helmut Fend, der in einer Längsschnittstudie (LifE) zeigen konnte, dass Schule Herkunftseffekte zwar zeitweilig abmildern könne, dass diese aber im späteren Lebensverlauf wieder zum Tragen kommen.

Was folgt daraus? Muss man die Vorstellung von Chancengerechtigkeit komplett aufgeben? Wohl kaum. Schon Fend weist darauf hin, dass Schule immer beides ist: Eine Institution zur Reproduktion sozialer Ungleichheit und zugleich Instanz für sozialen Aufstieg für Kinder aus bildungsferneren Schichten.

Das Bildungssystem ist überfordert, wenn es soziale Unterschiede vollständig beseitigen soll. Es muss aber darum gehen, die Unterschiede nicht weiter zu verstärken – sie wo immer möglich sogar abzumildern. Dazu bedarf es der besonderen Förderung benachteiligter Kinder und eine Durchlässigkeit des Bildungssystems, das immer wieder Anschlussmöglichkeiten für den Aufstieg bieten muss. Dabei geht es in der Regel nicht um den kometenhaften Aufstieg von Kindern ungelernter Arbeiter, die am Ende auf der Universität landen. So schön diese Erfolgsgeschichten auch sind, entscheidend ist die Förderung „kurzer“ Aufstiege – und zwar gerade für diejenigen, die bedroht sind, abgehängt zu werden.

Ca. 20 Prozent aller Schülerinnen und Schüler verlassen heute in Deutschland mit so geringen Kompetenzen die Schule, dass sie zu einer selbständigen Teilhabe an der Gesellschaft nur eingeschränkt in der Lage sind. In erster Linie muss diese Bildungsarmut beseitigt werden. Dazu hat die die Schulkommission der Heinrich-Böll-Stiftung vor einiger Zeit Empfehlungen erarbeitet. Unter anderem fordert sie, dass Schulen verpflichtet werden müssen, keine Schülerinnen und Schüler ohne Basiskompetenzen mehr zu entlassen. Eine Bringschuld für die Schulen, die den Einsatz enormer Ressourcen bedeutet. Wird diese Investition aber unterlassen, wird es noch teurer.

Foto: Andreas Demmelbauer (cc by-sa 2.0)

Über dieses Blog

„Durch eigene Anstrengungen in der Gesellschaft voran kommen, ohne durch ethnische, räumliche oder soziale Herkunft gehindert zu werden: Kann es trotz der vielen Blockaden, die heute in der Bildung und bei der Integration Zugewanderter der sozialen Mobilität im Wege stehen, einen solchen „deutschen Traum“ geben? Dieses Blog diskutiert, ob das Ideal einer aufstiegsoffenen Gesellschaft für emanzipatorische Politik taugt."

Studie „Einwanderinnen und Einwanderer in den Räten deutscher Großstädte“

Studie „Kaum Bewegung, viel Ungleichheit“

Die Studie von Reinhard Pollak (WZB) zeigt, in Deutschland schaffen es weniger als 1% aus einem Elternhaus, in dem der Vater ungelernter Arbeiter ist, selbst in eine leitende Angestelltenposition zu gelangen.
Dagegen werden zwei Drittel der Kinder aus einer leitenden Angestelltenfamilie selbst leitende Angestellte.
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Die Ausgabe "Sozialer Aufstieg - Strategien gegen die blockierte Gesellschaft" von Boell.thema liefert Analysen, Reportagen und Überlegungen rund um Fragen sozialer Mobilität und das Leitbild der aufstiegsoffenen Gesellschaft.
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